„Check mal deine Privilegien“…. Wie ich mir mein Leben schwer machte

„Check mal deine Privilegien“…. Wie ich mir mein Leben schwer machte

18. Juni 2019

Erik hatte bis zur Jungen Islam Konferenz 2018 eigentlich ein ziemlich bequemes Leben. Bis er das erste mal gemerkt hat:
„Ich bin ein weißer deutscher junger Mann.“
Eine Selbstreflexion.

Ich bin ein weißer deutscher junger Mann. Eine Erkenntnis, die so offensichtlich ist, die ich aber erst in meinen 20ern das erste Mal bewusst ausgesprochen habe.

Nein, ich bin kein Berliner Großstädter, der rassismuskritisches Denken und Critical Whiteness mit der Muttermilch aufgenommen hat. Ehrlich gesagt bin ich genau das Gegenteil. Ich bin in Sachsen-Anhalt geboren und aufgewachsen. Der Leser denkt „Aufschrei“ und sieht jetzt sicher all das, was Sachsen-Anhalt medial verkörpert: überdurchschnittlich hohe Wahlergebnisse der AfD zum Beispiel. Eine hohe Arbeitslosigkeit und sogenannte „Globalisierungsverlierer“. Ein Bundesland voller, wie man sie so schön nennt, „Biodeutscher“. Kurz gesagt: nicht unbedingt der ideale Raum, um mit einer kritischen Sicht auf rassistische Strukturen in der Gesellschaft vertraut zu werden. Jetzt könnte man meinen: „Ok geht er halt zum Studium nach Berlin. Ist ja jetzt nicht so weit weg.“ Das habe ich dann nach meinem Abi knapp verpasst. Stattdessen ging es nach Heidelberg.

Ach Heidelberg: Alte Häuser, alte Uni und eine alte Burgruine über der Stadt. Ein deutsches Idyll mit dem Duft nach Schweinebraten und Kartoffelsalat. Da konnte man sich in meiner Haut wirklich nur wohl fühlen.

Ich habe Jura studiert. Der Studiengang war zu großen Teilen weiß, „biodeutsch“ und konservativ. Meine KommilitonInnen (das gendern habe ich dort nicht gelernt!) waren ziemlich politisch, solange die Mitgliedschaft in einer Stiftung oder Studentenorganisation möglichst unverbindlich und oberflächlich ist und gut im Lebenslauf aussieht. Vorzugsweise war man in der Fachschaft, dem RCDS (größte Gruppe im StuRa) oder der Konradt-Adenauer-Stiftung. Am Neckar lebte es sich also gut in einer Heile-Welt-Blase.

Diese Blase bekam erste Risse, als ich beschloss, mein Jurastudium abzubrechen und mit Islamwissenschaften ein neues zu beginnen. Man muss dazu sagen, dass dieser Studiengang ein Nischendasein fristet. Die meisten meiner KommilitonInnen wussten nicht mal, dass es den an der Uni Heidelberg gibt. Aber trotz seiner wenigen finanziellen Mittel und der wenigen Studierenden, bot er doch einen gewaltigen Vorteil. Sowohl Studierende als auch Lehrende waren und sind offene Geister, die über das „600 Jahre alte Eliteuni-Gerede“ hinwegsehen.

Hierdurch kam ich auch zur Jungen Islam Konferenz und meldete mich zur Bundeskonferenz 2018 an. Wenn ich sage, dass die Menschen dort ein Schock für mich waren, fasst das ganz gut zusammen, wie wenig Diversität ich bis dahin erlebt habe. Ich wurde ziemlich rabiat aus meiner badischen Wohlfühlblase herausgerissen und vielleicht das erste Mal mit realen Rassismuserfahrungen konfrontiert. Weil ich nun, wie viele Menschen in diesem Land, zum einen nicht besonders selbstkritisch bin und zum anderen die Erfahrung, von denen mir berichtet wurde, überhaupt nicht nachvollziehen konnte, redete ich sie klein. Mittlerweile kann ich mir vorstellen, wie das gewirkt haben muss, wenn ein als weiß wahrgenommener Mann Rassismuserfahrungen relativiert (manchmal lohnt es sich, zu schweigen). Nach dem Wochenende der Konferenz fuhr ich also zurück, aber merkte sehr schnell, dass ich nicht mehr übersehen konnte, wie wenig divers unser Campus war. Ich begann mich zu fragen, warum in dem Seminar für Sprachen und Kultur des Vorderen Orients (Ja Orient!!), kein Raum der Stille vorhanden war und warum es zur Feier des bestandene Examens nur einen christlichen Gottesdienst gibt.

Den sprichwörtlichen Knoten ließ bei mir ein Artikel im Zeitmagazin mit dem bezeichnenden Titel : „Ich habe keine Lust mehr den netten Kanaken zu spielen“ platzen. Darin beschreibt der 24-jährige Student Ali seine Ohnmacht gegenüber alltäglichen bösartigen rassistischen Anfeindungen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich einfach gar nicht anders, als mich zu fragen: Wieso passiert mir sowas nicht? Wieso war ich nie in einer Situation, in der ich auch nur annähernd so hilflos bin wie Ali? Die Wahrnehmung der Gesellschaft war der Schlüssel zu dieser Frage.
Ich habe also etwas gelernt, was so nahe liegend erscheint, worüber ich aber vorher doch nie nachgedacht hat: Ich werde von der Gesellschaft als weißer Mann wahrgenommen und genieße damit Privilegien. Ab diesem Zeitpunkt an habe ich begonnen, meinen Weg zu dieser Einsicht auf Instagram zu dokumentieren und versuche damit andere Menschen aufzuklären.

Hat diese Einsicht und das Öffentlich-Machen dessen mein Leben einfacher gemacht? Nein, hat es nicht! Niemand wird gern aus seine Komfortzone geholt, aber ich sehe es mittlerweile als dringende Notwendigkeit an. Ich sehe Probleme und rassistische Strukturen, wo vorher für mich alles schön und gut und gerecht schien. Ich sehe es bei FreundInnen, die es befremdlich finden, dass ich nicht mehr nur Kaffee und Avocadotoast poste, an der Uni und im alltäglichen Leben. War es richtig, sich das Leben schwerer zu machen? Definitiv! Was bringt es uns immer wegzuschauen. Auch das ist ein Privileg, das ich als Weißer habe. Menschen, die tagtäglich Rassismus erleiden, können das nicht.

Ich muss mich wohl bei der JIK und all den unglaublich wachen Menschen, denen ich dort begegnet bin, bedanken, dass sie mein Leben so viel schwerer gemacht haben.

#begegnung #herkunft #integration #veranstaltung

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  • von Erik Jödecke
  • am 18. Juni 2019