Hijab und Karriere: Der Weg zur Rechtsanwältin. Ein Gespräch mit Tuğba Uyanık

Hijab und Karriere: Der Weg zur Rechtsanwältin. Ein Gespräch mit Tuğba Uyanık

11. August 2020

Tuğba Uyanık ist Rechtsanwältin und JIKlerin der ersten Stunde. Sie zeigt: Kopftuch und Karriere gehen zusammen. Im Interview mit Maryam erzählt sie uns von ihrem inspirierenden Weg und macht Mut, es selbst zu wagen!

© Tugba Uyanık

Vor einigen Wochen stellte eine 16-jährige Schülerin ein Video auf Instagram, indem sie davon erzählte, wie sie auf der Suche nach einem Nebenjob rassistische diskriminiert und anschließend abgelehnt wurde. Der Grund dafür war ihr Hijab.
Diese Erfahrung erfolgt in einem wiederkehrenden Muster. Einem Muster, welches viele Frauen mit Hijab in ähnlicher Form widerfährt. Oft ist die einzige Variable, die ausgetauscht werden muss, der Arbeitgeber. Völlig selbstverständlich werden muslimische Frauen dafür abgelehnt, dass ihr Gegenüber etwas in Sie hineininterpretiert, sie rassifiziert und aller Individualität beraubt. Und nicht selten beugen sich muslimische Frauen dieser diskriminierenden Praxis, denn: „Unsere Mitmenschen werden sich ja wohl mit Recht und Ordnung auskennen, schließlich mault mich meine weiße Nachbarin auch ständig an, wenn ich im Vorbeigehen Müll in ihre rausgestellte Mülltonne werfe oder wenn in der Bahn selbst der Fahrgast Kontrolleur spielt.“
So habe selbst ich oft die diskriminierenden Ablehnungen mit einem freundlichen Lächeln abgenickt, im Glauben, dass diese Praxis rechtmäßig sei, wenn sie doch von Menschen ausgeübt wird, die gerade für ihre Gesetzestreue gelobt werden. Damit habe ich mich jedoch freiwillig der Zwei-Klassen-Gesellschaft gefügt und mich den asymmetrischen Machverhältnissen ergeben. Ich bin damit aufgewachsen, dass Frauen mit Hijab nicht an deutschen staatlichen Schulen unterrichten durften. Dieser Beschluss in Verbindung mit den Debatten, die in der Öffentlichkeit darüber geführt wurden, haben offensichtlich zu dem Glauben geführt, dass es nun auch legitim sei Frauen mit Hijab unmissverständlich in allen Bereichen des Arbeitsmarkts zu diskriminieren. Außer natürlich als Reinigungskraft. Dieser Beruf bleibt größtenteils marginalisierten Menschen vorbehalten.
Selbst Jobs, die prinzipiell für viele zugänglich sind und in denen man erste Berufserfahrungen sammeln kann, wie zum Beispiel die Arbeit als Kassiererin, sind für Frauen mit Kopftuch mit Barrieren verbunden. Wenn ihnen bereits die ersten Berufserfahrungen verwehrt werden, scheint eine blühende Karriere für diese Frauen in Deutschland unter diesen Gesichtspunkten eher unwahrscheinlich, oder?

Ein Irrglaube, dem auch ich lange Zeit verfallen bin und mit dem ich in diesem Artikel aufräumen möchte. Tuğba Uyanık ist 28, Hamburgerin, JIKlerin der ersten Stunde und hat als Rechtsanwältin eine eigene Kanzlei eröffnet. Sie selbst trägt einen Hijab. Eines der vielen positiven Beispiele, die durch die Anhäufung von Negativbeispielen viel zu kurz kommen oder gar unsichtbar gemacht werden. Denn was viele Menschen vergessen, ist, dass muslimische Frauen trotz diskriminierenden Erfahrungen, ihren Berufszielen und ihrem Traumberuf weiterhin nachgehen. So kann man mittlerweile Frauen mit Hijab in vielen Bereichen der Gesellschaft sehen: Sie wirken als Journalistinnen, Lehrerinnen, Ingenieurinnen, Designerinnen, InformatikerInnen, Erzieherinnen, Wissenschaftlerinnen, Krankenpflegerinnen, Kosmetikerinnen und Rechtsanwältinnen. So wie Tuğba.

In einem spannenden Interview habe ich sie zu ihrem Beruf als Rechtsanwältin befragt. Ihr Karriereweg und ihre Kompetenzen sind absolut inspirierend und für mich und viele andere muslimische Frauen, dient sie zweifellos als Vorbild. Tuğba hat sich nach ihrem Jura-Studium selbstständig gemacht und erst kürzlich als Rechtsanwältin ihre eigene Kanzlei eröffnet. Zwischen den Examina hat Sie zusätzlich für eine lokale Anti-Diskriminierungsstelle gearbeitet. Anti-Diskriminierung ist für Sie eine Schnittstelle aus Strafrecht, Zivilrecht und Öffentlichem Recht.

Wie Sie zum Jura Studium gekommen ist erzählt sie mir bei Çay und Keksen.

T: In der 10ten Klasse hatte ich einen Motivations-Workshop, in dem zwei Anwält*innen ihren Beruf vorgestellt haben. Eigentlich wollte ich keine Anwältin werden, aber ich habe es sehr bewundert, wie selbstbewusst die Anwält*innen aufgetreten sind – als wüssten Sie, wie die Welt funktioniert. Früher dachte ich: egal was ich später studiere, ich möchte die Welt besser verstehen. Zunächst habe ich mich für Soziologie und Politikwissenschaften interessiert. Ich habe mich schließlich aber doch für Jura eingeschrieben und dachte, ich probier’s einfach. Und es hat irgendwie geklappt. Ich habe mich eingelesen, mich mit Recht und Gerechtigkeit beschäftigt und dann den Entschluss gefasst, dass ich Rechtsanwältin werden möchte. Das kam aber erst während des Studiums. Ich wollte die Welt besser verstehen und über meine Rechte lernen.

Was ist ein Ziel, was du gerne erreichen willst?

Ich möchte ein Kopftuch-Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof bringen. Das ist ein berufliches Ziel, welches erreichbar sein sollte. Außerdem möchte ich die Gelegenheit haben, den Zugang zu Recht für andere zu öffnen und ihnen zu helfen ihre Rechte durchzusetzen.

Auf deinem Instagram Kanal Erkennenundhandeln gewährst du deinen Followern einen guten Einblick in ihre Rechte in Diskriminierungsfällen. Wie kamst du dazu, diesen Instagram-Kanal zu starten?

Früher hatte ich das Gefühl, dass alles was einem gesagt wird, schon stimmen muss. Mir selbst hat es aber sehr geholfen mich mit meinen eigenen Rechten auseinanderzusetzen, weil ich selbst von Diskriminierung betroffen bin. Dass ich über meine Rechte Bescheid weiß, hat ich in meiner eigenen Persönlichkeit gestärkt. Jetzt, wo ich mit meinem Jura Studium fertig bin, kann ich auch anderen Menschen durch die sozialen Medien einen Einblick in ihre Rechte gewähren, damit sie darüber aufgeklärt werden. Aktuell gebe ich zudem Webinare und Workshops, bei denen sich Menschen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, darüber informieren können, welche Rechte und Möglichkeiten sie haben, wenn sie diskriminiert werden. Aber auch, um Ihnen eine Plattform zu geben, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Es gibt wenige Rechtsanwältinnen, die sich mit dem Thema beschäftigen und gleichzeitig selbst davon betroffen sind, weshalb diese Arbeit für mich ein besonderes Anliegen ist. Im Türkischen sagt man „leb demeden leblebiyi anlamak“. Sinngemäß heißt das, dass man sein Gegenüber versteht, bevor er oder sie überhaupt angefangen hat zu sprechen. Genauso verstehe ich das Verhältnis zu meinen Klient*innen. Unbefangen und solidarisch.

Tuğba, du bist eine muslimische Frau, die selbst mit Hijab so viel erreicht hat. Dabei haben es Frauen mit Kopftuch auf dem deutschen Arbeitsmarkt auf Grund von antimuslimischem Rassismus und struktureller Diskriminierung nicht immer leicht.
Was waren deine Herausforderungen und wie konntest du diese überwinden?

Im Rechtsreferendariat durfte ich einige Tätigkeiten mit Hijab nicht ausführen. Damals gab es in Niedersachsen kein Gesetz, sondern nur eine Weisung der Justizminister, dass man mit Kopftuch nicht auf der Richterbank sitzen durfte und dass man keinen Sitzungsdienst bei der

Staatsanwaltschaft leiten konnte. Dass hieß für mich, dass ich bei der Richterschaft keine Sitzung leiten durfte. Eine Rechtsreferendarin mit Hijab, hatte das Gericht zu dem Zeitpunkt noch nicht gehabt, weshalb sie mit der Situation anfangs etwas überfordert waren. Dass ich keinen Sitzungsdienst leiten durfte, war für mich ein komisches Gefühl, eben weil ich die einzige war, der dies verwehrt blieb. Da fühlst du dich natürlich ausgegrenzt. Vielleicht wäre ein Job in der Staatsanwaltschaft etwas gewesen, was ich gerne gemacht hätte. Dadurch, dass ich aber nicht die Gelegenheit bekommen habe, die Arbeit in dem Bereich kennenzulernen, war der Job als Staatsanwältin für mich eher uninteressant.
Das Rechtsreferendariat war dagegen ziemlich turbulent, aber an sich wurde ich freundlich empfangen und es lief im Großen und Ganzen unproblematisch ab. Das war sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass ich zu dem Zeitpunkt nur eine Referendarin war und nicht die Position einer Hoheitsgewalt innehatte.

Wieso gibt es noch immer Einschränkungen für angehende Richter*innen mit Hijab?

Ich glaube selbst im Jahr 2020, sind deutsche Gerichte noch immer nicht bereit solche Einschränkungen komplett aufzuheben. Da ist man etwas vorsichtig und guckt erstmal, was die Gesellschaft bereit ist zu akzeptieren. Wie sieht es politisch aus? Im Moment denke ich nicht, dass wir so weit sind, Richter*innen mit Kopftuch zu akzeptieren. In 5 bis 10 Jahren könnten wir vielleicht so weit sein. In England gibt es eine Frau, die selbst mit Hijab Richterin geworden ist. Anderswo ist es also möglich. Nur Deutschland ist da immer langsamer.

Wieso klappt es jetzt nicht? Heißt das, dass Rechtsurteile vom gesellschaftlichen Klima beeinflusst werden?

Das ist unteranderem mit der Gewaltenteilung zu erklären. Gerichte möchten nicht zu sehr in die Gesetzgebung eingreifen. Sie kontrollieren zwar Gesetze darauf, ob sie verfassungsgemäß sind, aber wenn die Gesetze in einem noch-akzeptablen Rahmen liegen, werden sie meist nicht groß angefochten, weil Gerichte die Gewaltenteilung nicht durchbrechen wollen. Es gibt wenige Fälle, in denen Gerichte sich dazu entscheiden, eine Regel des Gesetzgebers zu verändern. Dass die ‚Ehe für Alle‘ erlaubt ist, hat das Bundesverfassungsgericht auch erst vor wenigen Jahren beschlossen. Das ist auch von dem gesellschaftlichen Klima abhängig. Wenn die Gesellschaft erstmal soweit ist, besteht die Möglichkeit, auch andere sensible Regelungen durchzusetzen. Das sind rechtspolitische Gedanken. In einigen Fällen kann es sein, dass Gerichte die Gesetze von Gesetzgebern korrigieren, wenn die Gesetzgeber selbst nach gesellschaftlicher Öffnung auf eine einschränkende Regelung beharren. Gerichte sind aber grundsätzlich nicht dafür da selber Gesetze zu erlassen, sondern schon vorhandene Gesetze auf ihre Rechtskonformität zu prüfen. Es gab z.B. noch keine Frau mit Hijab, die Richterin werden wollte. Dieser Fall muss erst einmal auftreten, um ihn dann auf rechtlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene auszuhandeln.

Was hat dich dazu angetrieben deine eigene Kanzlei zu eröffnen?

Selbstständig wollte ich mich schon immer machen, es war nur eine Frage der Zeit. Ich wollte immer mein eigener Chef sein, wollte meine eigenen Fehler begehen und meine eigenen Erfolge feiern. Die Früchte meiner Arbeit selbst ernten. Der Wunsch danach, mich selbstständig zu machen, hatte aber auch andere Gründe: Ich wollte mich nicht mehr fügen und potentieller Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt entgehen. Ob ich mit Abaya oder mit Sportschuhen in die Kanzlei gehe oder während der Arbeit bete, spielt keine Rolle mehr. Ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen.
Ich hatte keine Lust darauf, eine weitere Bewerbungsphase zu durchlaufen, in der ich potentiell diskriminiert werden könnte. Rassistische Diskriminierung musste ich in letzter Zeit glücklicherweise nicht erleben, jetzt spielt eher mein junges Alter und die damit verbundene, vermeintliche Unerfahrenheit eine stärkere Rolle. Selbständigkeit sollte in unserer Generation viel stärker umgesetzt werden. Wenn wir einander Jobs beschaffen oder Praktika ermöglichen, können wir voneinander profitieren und rassistische Diskriminierung kann dadurch auch entbunden werden.

Der Wunsch danach, mich selbstständig zu machen, hatte aber auch andere Gründe: Ich wollte mich nicht mehr fügen und potentieller Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt entgehen. Ob ich mit Abaya oder mit Sportschuhen in die Kanzlei gehe oder während der Arbeit bete, spielt keine Rolle mehr. Ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen.
Tugba Uyanık

Was würdest du Frauen raten, die am Anfang Ihrer Karriere stehen? Was hat dir damals geholfen?

Man könnte manchmal das Gefühl bekommen, angestarrt zu werden, weil man vielleicht die einzige Frau in der Rechtsbibliothek ist, die ein Hijab trägt. Aber diese Befürchtung bewahrheitet sich in den meisten Fällen nicht. Die anderen interessieren sich gar nicht dafür, was du auf dem Kopf trägst. Deshalb sollte man sich nicht den Kopf daran zerbrechen. Einfach sein Ding durchziehen und nicht darauf achten, was die anderen wohl denken könnten, ist mein größter Ratschlag.

Das Hijab sollte euch keineswegs davon abhalten ein Jura Studium anzufangen. Auch im Referendariat nicht. Wenn ihr an Recht interessiert seid, würde ich euch empfehlen ein Jura Studium anzufangen, um dann bewerten zu können, ob das etwas für euch ist.

Hast du ein Geheimrezept für eine erfolgreiche Karriere?

Initiative zeigen, Chancen ergreifen und Netzwerke aufbauen. Anstatt auf der faulen Haut zu liegen und darauf zu hoffen, dass sich Karrieremöglichkeiten ergeben, sollte man selbst Chancen ergreifen auf potentielle Partner zugehen. Außerdem ist es auch sinnvoll sich neben dem Studium ehrenamtlich zu engagieren. Dadurch gewinnt man ein starkes Netzwerk und kann selbst nach dem Studium darauf zurückgreifen. Mein Motto ist außerdem: Leiden schafft. Ich habe nicht jeden Sommer genießen können, weil ich mein Studium beenden wollte. Deshalb habe ich auch oft gelitten, während andere Spaß hatten. Durch das Leiden, durch Mühe und Fleiß, habe ich es aber geschafft, meiner Leidenschaft nachzugehen.

Tugba schafft durch ihre eigene Kanzlei eine Plattform, auf der marginalisierte Gruppen und insbesondere Frauen mit Hijab die Möglichkeit bekommen, zu sein wer sie wirklich sind. Sie gibt diesen Frauen die Individualität zurück, der sie langer Zeit beraubt wurden. Das ist inspirierend!

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  • von Maryam Al-Windi
  • am 11. August 2020