‘I am German when we win, but I’m an immigrant when we lose’

‘I am German when we win, but I’m an immigrant when we lose’

25. Juli 2018

Da ist immer wieder das Gefühl, es beweisen zu müssen. Das Sein genügt nicht, schließlich zeigt deine dunkle Haarfarbe, du kannst keine „echte“ Deutsche sein. Du bist einfach anders, kannst tun, was du willst, dein Name klingt nicht deutsch, also bist du es auch nicht, zumindest „nicht wirklich“. Immer wieder das Beteuern auf die Nachfrage, woher ich komme (aus der Nähe von Frankfurt!), dem mit einem Augenzwinkern begegnet wird, komm, wir wissen es doch beide, woher kommst du denn nun eigentlich, komm, sag es mir.

Es ist das Gefühl, zu Hause nie anzukommen. Als ich Özils Statement las, habe ich davon einen Screenshot gemacht und es einer Freundin geschickt. Ebenfalls eine Deutsche, durch ihre dunkle Hautfarbe aber wohl mehr mit Migrationsvordergrund als Hintergrund. Wir hatten neulich erst darüber geredet, endlich spricht es jemand aus.

In meinem Auslandssemester in den Vereinigten Staaten durfte ich das erste mal Deutsche sein, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Woher kommst du? Deutschland. Oh cool. Fertig. Ich hatte den Spitznamen „Germangirl“ im Freundeskreis dort bekommen. Zunächst ein komisches Gefühl, an das ich mich gewöhnen musste.

Ganz anders war es während eines Praktikums in einem Deutschen Bundesministerium. Ständig wurden eine Mitpratikantin und ich verwechselt, weil wir eine der wenigen mit dunkleren Haaren (!) in diesem Ministerium waren. Bei meinem Abschlussgespräch legte mir mein Betreuer nahe, immer besonders pünktlich zu sein und weiter so gründlich zu arbeiten, schließlich würde ich ja „weiter in der deutschen Kultur“ arbeiten wollen und wenn man meinen Namen ließt, würde man da nicht dirket an deutsche Attribute denken. Er fügte noch hinzu, dass das als guter persönlicher Rat gemeint ist und ich das nicht falsch verstehen soll. Nein, natürlich nicht. Message ist angekommen. Du bist keine richtige Deutsche im Auge der „richtigen“ Deutschen. Du musst immer besonders zeigen, was du kannst, du fängst bei – 2 an, die anderen bei 0. Ich war ihm nicht einmal böse. Ich war enttäuscht über mich, über meine Naivität, gedacht zu haben, mein Sein würde genügen, um als Deutsche anerkannt zu werden.

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Obwohl das Schreiben mein Handwerkszeug ist, passieren auch mir manchmal Rechtschreib- oder Grammatikfehler. Wenn ich etwas falsch sage oder schreibe, kommt früher oder später immer der Kommentar: Deutsch ist eben nicht deine Muttersprache. Aber du sprichst echt toll Deutsch. Viele meinen das bestimmt nicht böse. Dieser Kommentar ist immer wieder ein Faustschlag dirket in die Magengrube. Wenn Lisa oder Lara mal etwas falsch schreiben oder sagen, waren sie halt eben nicht aufmerksam. Manchmal versuche ich dann peinlich genau nichts mehr falsch zu machen und da passieren gerade wieder Fehler. Ein Teufelskreis. Der Deutsch-Leistungskurs, die vielen Artikel und Kurzgeschichten, die ich als freie Journalistin und Autorin veröffentlicht habe, sind da plötzlich vergessen. Ganz vergessen sind dann auch die unzähligen wissenschaftlichen Hausarbeiten. Zweifel kommen auf. Vielleicht bin ich nicht gut genug, vielleicht habe ich doch Sprachprobleme? Auf meinen Juraklausuren schreibe ich keinen Namen, die Matrikelnummer muss reichen, lieber anonym aus Angst.

Es wäre schön, endlich zu Hause anzukommen.

Mehr von Farnaz könnt ihr unter: alphafehler lesen

#herkunft #integration #zugehörigkeit

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  • von Farnaz N.
  • am 25. Juli 2018