Ich komme von hier

Ich komme von hier

25. März 2019

Es ist der erste Tag meines Praktikums als Medizinstudentin auf der Station der Chirurgie. Im Gang sehe ich die Chefärztin. Ich werde schnell nervös und stelle mich ihr vor. Sie bleibt stehen und fragt: “Woher kommen Sie?“

© adobestock/magel

Kurz darauf liest sie laut meinen Nachnamen auf dem Namensschild, das an meinem Kittel hängt. Ich frage sie, ob sie meint, wo meine Eltern herkommen. Sie lacht. „Mir ist doch egal, wo Ihre Eltern herkommen. Ich will wissen wo SIE herkommen. Aus welcher Stadt, wo Sie studieren!“ Die Chefärztin selber hat einen türkischen Migrationshintergrund. Die Hälfte der Ärzte hier haben ebenfalls einen Migrationshintergrund. Wie konnte ich wieder in diese Falle tappen, wo ich mir doch selber versprochen habe, deutlich zu machen, dass ich aus Berlin komme, deutsch bin und meinen Migrationshintergrund außenvorlasse? Ich ärgere mich über mich selbst.

Naja, es liegt womöglich daran, dass ich daran gewohnt bin, meine Antworten an den Fragen des mir gegenüber anzupassen.

Denn bei der Frage „Wo kommst du her?“ sind viele mit der Antwort „Berlin“ unzufrieden.

Also trainierte ich mir an direkt mit „Ich bin in Berlin geboren, aber meine Eltern kommen aus Ägypten“ zu antworten. Wo ich aber tatsächlich herkomme, habe ich mich nie gefragt. Meiner Mutter war schon immer wichtig, dass ich so „deutsch“ wie möglich bin, um bessere Chancen in diesem Land zu haben. Deutsch wurde also zu meiner Muttersprache, es gab nur deutsches Fernsehen und unsere Freunde und Nachbarn hatten deutsch zu sein. Wohl habe ich mich damit nicht wirklich gefühlt. Aber genauso wenig wohl habe ich mich gefühlt, wenn ich mit meinen Eltern im Urlaub in Ägypten war. Irgendwie fühlte ich mich als Fremde, auch wenn meine große Familie mir ein heimisches Gefühl gab. Für Deutschland fühlte ich mich zu ägyptisch und für Ägypten fühlte ich mich zu deutsch. Was nun? Woher komme ich?

Seit 2 Jahren knüpfe ich immer mehr Kontakte zu Menschen wie mir. Mit „wie mir“ meine ich Menschen mit einem Migrationshintergrund, die ähnliche Erfahrungen gemacht und ähnliche Perspektiven haben. Und das ganz unabhängig davon, was für einen Background sie haben. Ich habe gemerkt, dass man auch in dieser Community häufig die Frage gestellt bekommt: „Woher kommen deine Eltern?“ Und ja, die Frage nervt auch, wenn sie von nicht-weißen Deutschen kommt. Spätestens, wenn so etwas kommt wie: „Du siehst aber gar nicht ägyptisch aus! Ich hätte dich eher als Libanesin oder Irakerin geschätzt.“ Ich merke, irgendwie nimmt sich jeder das Recht, über mein Aussehen und meine Herkunft zu urteilen. Warum habe ich nicht das Recht, meine Herkunft selbst zu bestimmen? Warum muss ich die Vorurteile meines Gegenübers bestätigen? Lass mich doch heute deutsch, morgen ägyptisch und übermorgen etwas komplett anderes sein. Lass mich doch entscheiden, wann und wie ich über meine Herkunft reden will. Interessierte Fragen sind nicht verboten. Aber reduziere mich nicht nur darauf. Ich bin nämlich mehr, als das Kind von Eltern aus Ägypten.

Wenn ich also sage ich komme aus Berlin, dann komme ich aus Berlin. Und wenn mein Gegenüber das hinterfragt, nimmt er/sie mir das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstbezeichnung. Ich weiß nämlich nicht, wer darüber entscheiden darf, wer deutsch ist und wer nicht, wer integriert ist und wer nicht.

Ich mache es mir jetzt mal bequem und sage: ich bin „Alman“ und „Känäx“, deutsch und ägyptisch in einem. Und ja, „integriert“ bin ich auch. Wahrscheinlich muss ich mich noch daran gewöhnen, mich selbstsicher so zu bezeichnen, wie ich es will.

Aber so oder so kann ich sagen ich bin #vonhier.

#empowerment #integration #zugehörigkeit

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  • von Säli El Mohands
  • am 25. März 2019