Was Marwa El-Sherbini mit uns zu tun hat

Was Marwa El-Sherbini mit uns zu tun hat

2. Juli 2019

Marwa El-Sherbini bittet 2008 einen Mann auf einem Spielplatz in Dresden darum, die Schaukel für ihren kleinen Sohn freizumachen. Er beschimpft sie daraufhin als „Islamistin“ und „Terroristin“, auch ihr Sohn werde später „Terrorist“. Leute wie sie, so Alexander W. weiter, hätten in Deutschland nichts verloren. Andere Eltern schreiten ein, ermutigen die junge Mutter dazu, Anzeige zu erstatten. Eine Geldstrafe wird verhängt. Diese wird von Alexander W. abgelehnt, der Staatsanwaltschaft ist dieses Urteil zu milde

Es kommt zu einer weiteren Gerichtsverhandlung am 1. Juli 2009. Niemand kontrolliert den Angeklagten beim Eintritt in den Gerichtssaal, der ein Messer bei sich trägt. Der Mann, der vor fast einem Jahr noch seinem Gegenüber Terror und Gewalttätigkeit vorwarf, sich gängiger antimuslimischer Stereotype bediente, steht auf und sticht in der laufenden Verhandlung mit 18 Messerstichen auf die schwangere Marwa El-Sherbini ein, im Beisein ihres dreijährigen Sohnes. Ihr Ehemann, Elwy Ali Okaz, eilt zu Hilfe, wird ebenfalls Ziel der Attacken des Rasenden. Ein Polizist will einschreiten, deutet die Szene falsch, hält den falschen Mann für den Täter und schießt auf den Ehemann. Auch hier greifen rassistische Vorurteile.

Die negative Berichterstattung gegenüber Muslim*innen, die systematische Problematisierung von Islam in der Öffentlichkeit und die Hasstiraden und Verschwörungstheorien rechtsextremer Gruppierungen und Internetforen entlädt sich in ungehemmtem Hass.

Marwa El-Sherbini, ehemalige Spielerin der ägyptischen Handballnationalmannschaft und studierte Pharmazeutin und Apothekerin, stirbt. Mit ihr das ungeborene Kind. Alexander W. wird zu lebenslanger Haft verurteilt. [1]

Zum 1. Juli gedenken wir Marwa El-Sherbini und machen aufmerksam auf antimuslimischen Rassismus und (strukturellen) Rassimus in Deutschland. Rassismus ist dabei ein sehr unliebsames Wort, das viele vielleicht noch mit Nachrichten aus Freital verbinden würden oder mit rechtsextremen Hooligans, die im Fanblock stehen und Affengeräusche von sich geben. Dass sich Rassismus aber auch inmitten der Gesellschaft befindet, das ist erstmal schwer anzunehmen. Leider ist das aber wahr: internalisiertes Handeln, bestimmte Haltungen oder Sichtweisen, die rassistischem Gedankengut entwachsen, sind tief in unserem Alltag und unserer Kultur verankert. Ähnlich verhält es sich auch mit antimuslimischen Rassismus, der schon „auf der Agenda der Verhandlungen der Deutschen Kolonialkongresse 1905 und 1910“ stand, wie Ozan Z. Keskinkılıç in seiner Veröffentlichung „Die Islamdebatte gehört zu Deutschland“ erörtert. Bereits damals habe man im Islam eine Gefahr für die Kulturentwicklung in den Kolonien ausgemacht und fürchtete sich vor der „Islamisierung der versklavten Bevölkerung“. Heute bekannte Stereotype gegenüber Muslim*innen und dem Islam als Kultur lassen sich bereits in den Schriften dieser Verhandlungen ausmachen. [2]

Oft werde ich in Diskussionen damit konfrontiert, dass die feindliche Einstellung gegenüber Muslim*innen kein Rassismus sein könne, da man sich hier gegen eine Religion richte und nicht gegen eine vermeintliche ‚Rasse‘. Oft muss ich daran anknüpfend erst einmal erläutern, dass es keine unterschiedlichen ‚Menschenrassen‘ gibt. Wieso wir aber dennoch von Rassismus sprechen müssen, hat Iman Attia für mich erstmals stichhaltig definieren können und wenn wir die folgenden Ausführungen als Schablone auf die gängigen „Islamdebatten“ legen, dann ist es ein leichtes zu verstehen, weshalb man bei diesen vielen Diskussionen rund um Kopftuch, Integrationsfähigkeit und Beschneidung einen rassistischen Moment ausmachen kann:

Anhand genuiner „muslimischer“ Eigenschaften erfolge die

  • Homogenisierung („alle Muslime sind gleich“)
  • Essentialisierung („sie sind ihrer Kultur und Religion nach einfach so“)
  • Naturalisierung („es ist ihnen angeboren bzw. unveränderbar und vererbbar“) [3]

Kultur, so schildert Keskinkılıç weiter, wird damit zur „Kontrastfolie, um muslimisch Markierte“ von ‚den Deutschen‘ zu unterscheiden. Kultur tritt, so der postkoloniale Theoretiker Balibar, „anstelle von Biologie“ [4]. Durch Naturalisierungen vermischen sich im undifferenzierten rassistischen Denken Kultur und Abstammung. Islam verwebt sich mit genetischer Vererbbarkeit zu einem unüberwindbaren Defizit (siehe Sarrazin).

Zudem werden nur bestimmte Menschen als Muslim*innen gelesen. Ich etwa, konvertierter Muslim und meinem Aussehen nach heteronormativ Weißer, werde nicht auf der Straße als Muslim identifiziert, mein Bart ermöglicht höchstens das Prädikat Hipster. Somit entgehe ich mit meinem Aussehen den vielen Anfeindungen, denen der Großteil meiner Glaubensschwestern und -brüder tagtäglich ausgesetzt ist. Nicht etwa, weil sie streitbare Äußerungen von sich geben, sondern vielmehr, ‚weil sie so aussehen, als würden sie so denken‘.

Das Gefährliche ist meiner Meinung nach, dass wir die Erkenntnisse der Rassismusforschung, wie sie u.a. von Iman Attia oder Ozan Z. Keskinkılıç erarbeitet wurden, nicht in die öffentlichen Debatten mit aufnehmen. Ganz im Gegenteil bleiben die Debatten oft erschreckend oberflächig. Da geht es um Eindrücke, Bekannte aus dem Umfeld und Hörensagen. Nur selten werden konkrete Fakten behandelt und noch seltener kommen diejenigen zu Wort, über die man redet. Der Grund dafür liegt meiner Meinung nach klar auf der Hand. Die Angst der Mehrheitsgesellschaft, sich mit der eigenen dunklen Vergangenheit und Gegenwart zu beschäftigen ist zu groß. Nicht etwa nur, weil es mit Scham und Schuldgefühl verbunden ist. Vielmehr weil es bedeuten würde, die eigenen Privilegien zu hinterfragen und gegebenenfalls diese im Folgeschluss abtreten zu müssen. Diese Gemütlichkeit möchte man nicht gefährden, weshalb es dann auch Sinn macht, den Blick auf ‚das Andere‘ zu richten, sich daran abzuarbeiten.

Gestern Abend, am 1. Juli 2019, war ich zum Abschluss der Aktionswoche gegen antimuslimischen Rassismus auf einer Veranstaltung der neuen deutschen organisationen und der Salaam-Schalom Initiative, die den zehnten Todestag Marwa El-Sherbinis zum Anlass hatte und verschiedene Aktivist*innen zu Wort kommen ließ. Wie schreibt Mensch über diese Thematik, fragte Kübra Gümüşay zu Beginn. Während der einzelnen Beiträge und der Diskussion war meinem Empfinden nach neben all der Genialität und Energie der Aktivist*innen auch ein gewisser Frust zu spüren. Kulturinstitutionen: nach wie vor weiß. Wissenschaft: nach wie vor weiß. Die Probleme seit Jahrzehnten die gleichen und bis zu einer gerechteren Gesellschaft, in der Rassismus endlich erkannt und von der Mehrheitsgesellschaft als auch sie betreffendes Problem wahrgenommen wird, ist es noch ein weiter Weg. Die Moderatorin Gümüşay erwähnt dann zum Abschluss noch einen Begriff: Critical Whiteness (Kritisches Weißsein). Ich selbst habe den Begriff schon oft vor Augen gehabt, ihn und das, was damit zusammenhängt, aber noch nicht ganz durchdrungen. Ich gehe also zumindest mit einer Aufgabe aus der Aktionswoche. Eine Aufgabe, die ich allen der Mehrheitsgesellschaft angehörigen Leser*innen ans Herz legen möchte.

Mögen Marwa El-Sherbini und ihr ungeborenes Kind in Frieden ruhen und möge Allah all denjenigen, die sich gegen den wachsenden antimuslimischen Rassismus und jede andere Form von Hass stellen, Kraft geben, dagegen anzukämpfen.

#hasshatkeinherz

Quellen:

[1] http://www.ramsa-ev.de/im-blick/im-gedenken-marwa-el-sherbini
https://www.tagesspiegel.de/politik/mord-an-marwa-el-sherbini-lehrstueck-in-rassismus/1872520.html

[2] Keskinkılıç, Ozan Zakariya: Die Islamdebatte gehört zu Deutschland. AphorismA Verlag: Berlin, 2019
[3] Attia, Iman: Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischen Rassismus. Transcript: Berlin 2009; zitiert nach Keskinkılıç 2019.
[4] Balibar, Étienne: Gibt es einen Neo-Rassismus? In: Ders.: Wallerstein, Immanuel (Hrsg.): Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Argument: Berlin 1990. (23-38); zitiert nach Keskinkılıç 2019.

#empowerment #integration #zugehörigkeit

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  • von Musa Léraillé
  • am 2. Juli 2019