Was von Hanau bleibt

Was von Hanau bleibt

18. Januar 2022

In Hanau wurden neun Menschen von einem Rassisten aus dem Leben gerissen. Die Bildungsinitiative Ferhat Unvar und die Initiative 19. Februar Hanau kämpfen seitdem für Veränderung in der Gesellschaft. Eine Reportage über den langwierigen Kampf gegen Rassismus und die Wut auf einen Staat, der seine Aufgabe nicht erfüllt.

Der 19. eines jeden Monats heißt für Ali Yıldırım zur Ruhe kommen, innehalten. Der kräftig gebaute Mann mit dem dunklen Vollbart sitzt an einem großen Tisch inmitten des lichtdurchfluteten Raums der Bildungsinitiative Ferhat Unvar nahe dem Hanauer Busbahnhof. Um ihn herum kahle Wände, ein paar Tische mit Werkzeug, eine Couch, im Nebenzimmer roher Putz und eine Leiter. Während er sich als Mitbegründer und Projektkoordinator der Bildungsinitiative Ferhat Unvar täglich mit der Tat und dem Kampf gegen Rassismus auseinandersetzt, nimmt er sich an dem Tag Zeit, um seine Gedanken zu sortieren. Für den Schulfreund von Ferhat Unvar ist das ein Ritual, um sich daran zu erinnern, was passiert ist. An das, was nicht ungeschehen gemacht werden kann.

Am 19. Februar 2020 wurden neun Menschen von einem Rassisten ermordet, Ferhat Unvar war einer von ihnen. Hanau ist seitdem, wie Mölln, Rostock-Lichtenhagen oder Solingen, ein Synonym für rassistische Gewalt geworden. Was hat sich seit dieser Tat verändert, und wofür kämpfen die Angehörigen?

Newroz Duman blickt immer wieder auf ihr vibrierendes Handy, tippt schnell oder spricht eine Nachricht ein, während sie sich über den Laptop beugt. In der Hanauer Innenstadt herrscht an diesem sonnigen Septembermorgen reges Treiben, viele Menschen sitzen in Cafés, unterhalten sich oder kaufen auf dem Markt ein. In dem lichtdurchfluteten Raum der Initiative ist es hingegen still. Newroz Duman, die Mitbegründerin der Initiative 19. Februar Hanau, ist allein in dem großen Raum mit zwei Sofaecken und Tischen. Hinter ihr kocht der Samowar leise auf. An den Wänden hängen die Bilder derjenigen, die am 19. Februar ermordet wurden.

Die letzten Planungen und Absprachen für den nächsten Tag müssen getroffen werden. Das Attentat vom 19. Februar 2020 in Hanau wird dann 19 Monate her sein, und wie jeden Monat findet eine Gedenkveranstaltung statt. Diesmal hat ein lokaler Fußballverein ein Spiel in Gedenken an die Ermordeten organisiert. Dabei sollen die Trikots der kommenden Saison eingeweiht werden. Auf ihnen die Namen der neun Opfer: Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Mercedez Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin.

Schon zehn Tage nach dem Anschlag mietete sich eine Gruppe von Unterstützer*innen in die Räume ein, die sich schräg gegenüber dem ersten Tatort befinden. Als sie den „Laden“, wie sie die 140 Quadratmeter nennen, noch renovierten, boten sie bereits Beratungen an und waren Anlaufstelle für die Familien, Betroffene und Freund*innen. Sie kommen seitdem regelmäßig dorthin. Es ist zu einem Ort der gemeinsamen Selbstorganisierung geworden. Als Initiative 19. Februar Hanau stellen sie vier Forderungen: Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen. Dafür halten sie den öffentlichen Druck aufrecht, stellen immer wieder Fragen zu den Versäumnissen der Polizei, organisieren Kundgebungen und reichen Klagen ein.

Die Bildungsinitiative wurde von Ferhat Unvars Mutter, Serpil Temiz Unvar, ins Leben gerufen. Ali Yıldırım hat mit der Familie Unvar und allen, die in der Initiative mitwirken, eine zweite Familie gefunden und ist seit seinem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften täglich mit der Arbeit beschäftigt. Sie haben erst kürzlich die Räumlichkeiten gemietet. Bis zur Einweihung an Ferhat Unvars 25. Geburtstag im November sei noch einiges zu tun, sagt er. Dann sollen die Räume eine Anlauf- und Beratungsstelle für Schüler*innen werden, die Rassismus erleben, außerdem ist ein Workshopraum für Lehrer*innen zur Sensibilisierung für Rassismus geplant. Letztendlich ist die Initiative auch einfach ein Ort, wo Jugendliche hinkommen können, um sich zu treffen, sich auszutauschen und zu entspannen. „Die Nachfrage ist sehr groß und besteht auch schon sehr lange“, sagt Ali Yıldırım.

Denn es hat nicht mit Hanau angefangen. Das betonen die Initiativen in ihrer Arbeit. Immer wieder verweisen sie auf die Pogrome und rassistischen Morde, die es in den letzten 30 Jahren in Deutschland gegeben hat. Das Land müsse endlich aus den Fehlern und Versäumnissen lernen, „dem Nicht-Hingucken, Nicht-ernst-Nehmen, dem Relativieren. Wir sehen, wie immer wieder Institutionen versagt haben. Wir sehen, wie Behörden nicht wirklich daraus lernen“, stellt Newroz Duman fest. Die Initiative prangert an, dass es immer noch keine Konsequenzen gibt.

Es ist eine Schande, dass nach allem, was in den letzten 30 Jahren passiert ist, immer noch Betroffene die Aufgabe machen müssen, die eigentlich Aufgabe des Staates ist.
Newroz Duman
Ali Yıldırım
© Nuriani Hamdan

Die Aktivist*innen sind jeden Tag unermüdlich damit beschäftigt, die Aufmerksamkeit auf diese Missstände zu lenken, Aufklärung und Konsequenzen zu fordern und Strukturen aufzubauen, um Rassismus zu bekämpfen. Aber sie geben auch zu bedenken, dass sie keine Möglichkeit hatten, richtig zu trauern, und dass die Arbeit, die sie davon abgehalten hat, eigentlich nicht ihre Aufgabe sein sollte. „Es ist eine Schande, dass nach allem, was in den letzten 30 Jahren passiert ist, immer noch Betroffene die Aufgabe machen müssen, die eigentlich Aufgabe des Staates ist“, wirft Newroz Duman dem Staat vor.

„Aber die Realität sieht anders aus“, sagt Ali Yıldırım ernüchtert. Er wollte eigentlich ein Masterstudium beginnen, hat diesen Plan aber erst einmal verschoben. „Eine Selbstorganisation ist Pflicht, damit sich überhaupt etwas ändert“, sagt er in einem ernsten Ton. Nachdem der Mörder nicht aufgehalten und die Gefahr, die von ihm ausging, nicht ernst genommen wurde, sei es nun auch noch die Aufgabe der Hinterbliebenen, auf Aufklärung zu pochen und Recherchearbeit zu leisten. Nicht einmal für ihre finanzielle Absicherung sei gesorgt worden. Erst auf erheblichen Druck durch die Initiative und die Familien selbst sei ein Opferfonds ins Leben gerufen worden. Doch aus diesem wurde den Hinterbliebenen bisher nichts ausgezahlt.

Diese Enttäuschung prägt auch ihre Erwartungshaltung an die Politik. Newroz Duman und Ali Yıldırım sind überzeugt, dass das, was die Politik bewegt, aus der Zivilgesellschaft kommt. Von allein passiere nicht viel. Der vergangene Bundestagswahlkampf, wo Rassismus kaum thematisiert wurde, hat ihnen das bestätigt. Nach dem Anschlag in Hanau und den weltweiten „Black Lives Matter“-Protesten nach dem Mord an George Floyd sei Rassismus noch nie so klar benannt worden. Doch im Wahlkampf war das Thema überhaupt nicht präsent. Auch seien sie bei der Aufklärung in den Behörden immer noch nicht weitergekommen. „Bei den Strukturen der Polizei zum Beispiel laufen wir immer wieder gegen die Wand. Da frage ich mich: Wird es jemals eine Veränderung geben?“, sagt Newroz Duman.

Eine Selbstorganisation ist Pflicht, damit sich überhaupt etwas ändert.
Ali Yıldırım

Trotz aller Versäumnisse, der schleppenden Aufklärung und Frustration, die diese mit sich bringen, sehen die Aktivist*innen auch, was durch die unermüdliche Arbeit der Angehörigen und Unterstützer*innen erreicht wurde. „Die Angehörigen haben nicht aufgehört, zu reden, sie bestanden darauf, die Namen und die Stimmen der Betroffenen in den Mittelpunkt zu rücken“, erklärt Newroz Duman. Das sei nun auch endlich in den Medien angekommen. Diese seien sensibler gewesen und nannten die Namen, rückten so die Opfer und nicht den Täter ins Zentrum – ein starker Bruch zur Berichterstattung zum NSU.

Es passiere viel, sie seien noch nie so gut vernetzt gewesen wie heute, erklärt Duman. „Es gibt viele Menschen, die aktiv sind, die sich teilweise schon seit Jahrzehnten einsetzen. Es passiert viel. Wir waren noch nie so gut vernetzt wie heute. Da müssen wir dranbleiben, um Veränderung in der Politik und in den staatlichen Strukturen zu erkämpfen“, fordert sie. Ali Yıldırım wird ebenso nicht müde, die Namen derer zu nennen, die „aus unserer Gesellschaft gerissen wurden, mit einer Vergangenheit und mit Plänen für die Zukunft.“

Durch den Einsatz ihrer Familien und Unterstützer*innen haben sie das Erinnern verändert, die Namen der Opfer wurden sichtbar. „Hanau ist überall“ wurde zum Slogan antirassistischer Bewegungen. Das ginge nicht ohne ihren Einsatz für Sichtbarkeit und ohne ihre unermüdlichen lautstarken Forderungen. Die Beteiligten der Bildungsinitiative wissen, dass ihr Weg noch ein langer ist, aber er sei unausweichlich. Und sie blicken nach vorne. „Es wird sich nichts verändern, wenn nicht weitergekämpft wird, wenn nicht Strukturen, Netzwerke zusammenkommen. Es braucht neue und mehr Allianzen, um etwas in den staatlichen Strukturen zu verändern“, sagt Newroz Duman.

Für Newroz Duman, Ali Yıldırım und die vielen anderen, die sich in Hanau und darüber hinaus einsetzen, ist diese Arbeit eine Pflicht. Hanau hat sie verändert und eine Veränderung in der gesamten Gesellschaft ist ihre Forderung. Sie können gar nicht anders, als weiterzumachen. „Das sind wir den Opfern schuldig“, sagen sie. Und mit „wir“ sind wir alle gemeint.

Der Artikel ist im Printmagazin ‚Rauschen‘ der JIK Medienakademie erschienen.

#rassismus #solidarität

Diesen Artikel teilen

  • von Nuriani Hamdan
  • am 18. Januar 2022