#BK2018 – Alles Bleibt Anders

#BK2018 – Alles Bleibt Anders

7. Juni 2018

Vom 20. bis 22. April 2018 fand in Berlin die Bundeskonferenz der Jungen Islam Konferenz statt. 40 junge Menschen aus ganz Deutschland kamen in der Hauptstadt zusammen und beschäftigten sich mit den Themen unserer Zeit. Unter dem diesjährigen Titel „Alles bleibt anders“ hinterfragten Muslime und Nicht-Muslime gemeinsam ihre Rolle als junge Generation im gesellschaftlichen Wandel.

Unser Bundesgremiumsmitglied Mulla berichtet von einem Wochenende der Vielfalt.

© Junge Islam Konferenz / Astrid Piethan

Die Welt vernetzt sich und jeder ist ein Teil davon. Mit dem Zeitalter der digitalen Revolution kommen auch neue Herausforderungen auf uns zu. Die Gesellschaft befindet sich derzeit in einem Wandlungsprozess und die Generation der Jugendlichen nimmt darin einen wichtigen Platz ein. Drei Tage lang waren wir den Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels auf der Spur und haben sie uns einmal näher angeschaut.

Tag 1 – Impulse, erste Bekanntschaften und ein Goldfischglas

12:30 Uhr – Auditorium Friedrichstraße. Den Auftakt macht Sawsan Chebli, Staatsekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, mit einem Grußwort und einer anschließenden Eröffnungsrunde. Begleitet wird das Ganze von einem großen medialen Interesse. Chebli betont unter anderem die Rolle der Muslime selbst:

 „Natürlich muss sich die muslimische Gemeinschaft kritischer mit den Fehlentwicklungen in ihren eigenen Reihen auseinandersetzen […].“
– Sawsam Chebli

Gleichzeitig seien aber in den vergangenen Jahren auch Fehler seitens der Politik gemacht worden, wodurch sich Muslime in der Gesellschaft nicht vollumfänglich akzeptiert fühlten:

„Es gibt wahnsinnig viel Unverständnis über das mangelnde Verständnis der Mehrheitsgesellschaft, Frust über fehlende Empathie und Mitmenschlichkeit und alle fragen sich tatsächlich, ist das eigentlich noch mein Land?“

Die Eröffnungsworte regen zur ersten Diskussion an, die jedoch warten muss. Denn nun steht das Kennenlernen an. In einem „Meet & Greet“ tauscht man sich von Macken über Marotten bis hin zu verborgenen Träumen aus.

14:15 Uhr. Bei Köstlichkeiten und kühlen Getränken werden die Gespräche während der Mittagspause weiter intensiviert. Der Dialog ist im vollen Gange, Handynummern werden ausgetauscht und Gemeinsamkeiten entdeckt – die ersten Bekanntschaften werden gemacht.

Gestärkt und vollends motiviert gönnt man sich im Anschluss die Ergebnisse der Shell Jugendstudie. Sie untersucht, auf welche Weise junge Menschen in Deutschland mit Herausforderungen umgehen, unter welchen politischen sowie sozialen Bedingungen sie heute aufwachsen und sich von der vorherigen Generation unterscheiden. Ingo Leven, Mitautor der Studie, berichtet, dass die Jugendlichen von heute sich den Gegebenheiten anpassen und Chancen nutzen möchten. Sie wollen neue Horizonte erschließen und seien bereit, dabei auch Risiken einzugehen. Auch das Interesse an Politik sowie am Weltgeschehen steige. Ebenso sei der Mehrheit der Respekt und die Anerkennung der Vielfalt von Menschen wichtig.

15:45 Uhr. Noch mehr Impulse. Rafia Harzer erzählt von ihrer Tätigkeit bei Gladt e.V. und LesMigras. Wir erfahren, was intersektionale Diskriminierung bedeutet, wie man dagegen kämpfen und Menschen dafür sensibilisieren kann.

„Aus uns erwachsen starke Individuen – wir werden nicht aufhören, gegen Diskriminierung aufzustehen.“
– Rafia Harzer        

Dominic Schmitz gewährt einen Einblick in sein früheres Leben als Salafist und seine heutige Präventionsarbeit nach dem Ausstieg aus der Szene. Anja Saleh – ein Social-Media-Star – fordert einen Bruch mit Stereotypen und setzt sich dem als Poetin und Aktivistin mit eigenen Texten entgegen.

17:00 Uhr. Nach Kaffee und Kuchen ist es Zeit für das Goldfischglas, auch Fishbowl genannt.

Dabei geht es nicht um Tierhaltung, sondern um eine Diskussionstechnik. Ein innerer Kreis mit Diskutanten und ein äußerer Kreis mit Zuhörern. Wer etwas zu sagen hat, tritt in den inneren Kreis, redet und tritt dann wieder aus. Moderiert wird die Fishbowl von Jaafar Abdul Karim – Moderator bei Shabab Talk. Debattiert wird darüber, wie offen Jugendliche in Deutschland für Diversität sind. Kontrovers und spannend verläuft die Runde und schließt den ersten Tag der Bundeskonferenz ab.

Tag 2  – Workshops, Tränen und Kaleidoskope

10:45 Uhr – Neue Mälzerei. Wenn man wissen will, wo in Deutschland an diesem Tag am meisten gelacht wird, dann schaut man nach Berlin. Comedian Fatih Çevikkollu lässt mit seinem politischen Kabarett kein Auge trocken. Vorurteile aufs Korn nehmend, regt er die Menschen mit seiner Kunst jedes Mal zum Nachdenken an.

Humor ist das beste Mittel, um Vorurteile abzubauen. […] Lachen ist die schönste Form des Kontrollverlusts. […] Zusammen lachen ist das Beste, was man machen kann.“
  – Fatih Çevikkollu

11.15 Uhr. Die heiße Phase beginnt. In Workshops, so vielfältig wie die Teilnehmenden selbst, wird zusammen mit erfahrenen Profis gearbeitet. Von „Pop-Jihadisten vs. Hipster der Neuen Rechten“ über „Generation Fake News“ bis hin zu „Medien – Selber schreiben“ ist alles dabei – eben kunterbunt wie ein Kaleidoskop. Lamya Kaddor, Gründerin des Liberal-Islamischen Bundes, leitet den Workshop „Islamfeindlichkeit unter Jugendlichen“:

„Die Frage ist nicht: ‚Gibt es diese Ideen oder Vorstellungen oder Konzepte seitens der jungen Leute?‘ Das Problem ist eher, es gibt kaum Räume, in denen junge Menschen das umsetzen können. Da ist tatsächlich Gesellschaft und Politik gefragt, diese Räume zu öffnen und […] zu schaffen.“
– Lamya Kaddor

17:45 Uhr. Zum Schluss eines arbeitsreichen und spannenden Tages werden die Ergebnisse der verschiedenen Workshops präsentiert. Selbst produzierte Filme mit Tarik Tesfu („Jäger und Sammler“), eindrucksvolle Standbilder und wortgewaltige Poems mit Youssef Adlah („i,Slam“) werden dargeboten. Gemeinsam lässt man den noch frühen Abend ausklingen und verabschiedet sich gegenseitig in den warmen Sommerabend.

Tag 3 – Plattform, Abschiede und neue Freundschaften

09:45 Uhr – Neue Mälzerei. Let´s get ready for Barcamp. Der letzte Tag der Bundeskonferenz dient allein den eigenen Ideen. Es sind keine Grenzen gesetzt und jeder kann selbst eine Session anbieten. Schnell kommen Dutzende Vorschläge wie „Orientalismus heute“, „Alltäglicher Islam“, „Generation Gap“, „Selbstkritik – Reflektion unter Muslimen“ und viele mehr. Das Interesse und der Andrang sind enorm. In Eigeninitiative leiten junge Menschen Diskussionen und schaffen Dialoge. Man redet über Politik, die Welt und philosophiert über eine perfekte Gesellschaft.

Fragen werden gestellt und Antworten werden gesucht. Heute gibt es keine Tabus, keine Scheindebatten.

14:00 Uhr – Lagebericht. Alle haben sich im Plenarsaal versammelt. Nun werden die Ergebnisse vorgestellt. In einer Session hat man Argumentationsstechnicken gegen rechte Parolen erstellt, in einer weiteren den Mehrwert des Islams in der heutigen Gesellschaft ermittelt und wieder in einem anderen hat man über Identität gesprochen. Was ist sie eigentlich, kann jeder Teil dieser Identität sein und welche Arten von ihr gibt es? Auf der Suche nach den Gründen des heutigen antimuslimischen Rassismus in Deutschland hält Erkan den bekannten Thilo Sarazzin für eine Schlüsselfigur für den Rechtsruck in seiner heutigen Gestalt:

„Thilo Sarazzin war ein Türöffner für die gesellschaftliche Mitte. Erst durch ihn fasste rechtes Gedankengut allmählich in der Öffentlichkeit Fuß und wurde somit Stück für Stück salonfähig.“
– Erkan, Teilnehmer der Bundeskonferenz

Wie würde Goethe heute die Welt beschreiben? Vielleicht nicht mehr im Sturm und Drang, sondern als Poetry Slam. Er ist ein Mittel der Moderne geworden und spielt im Leben vieler junger Menschen eine wichtige Rolle. Erfahrungen, Emotionen und Zustände haben die Teilnehmer*innen ebenfalls in der Session „Poetry Slam“ kreativ verarbeitet. Hier ein kleiner Einblick:

„Wenn Harmonie im Haus ist,
ist Ordnung in der Nation.
Wenn Ordnung in der Nation ist,
ist Frieden in der Welt.“
   – Nuri, Teilnehmer der Bundeskonferenz

„Die Jugend heutzutage existiert nur in ihrer Vielgestaltigkeit. Ist nicht eins, sondern viel. Ist nicht gleich, sondern verschieden. Ist all das, was ihr abgesprochen wird zu sein. So ist sie: Die Jugend heutzutage.“


  – Saide, Teilnehmerin der Bundeskonferenz 2018    

Jede Leistung wird anerkannt, jeder Auftritt erhält Beifall und jeder Beitrag wird wertgeschätzt.

Zum Abschluss wird über Vernetzung gesprochen. Die Junge Islam Konferenz möchte expandieren und weiteren jungen Menschen eine Plattform für den Dialog bieten. So wie alles Schöne einmal enden muss, ist auch die Bundeskonferenz 2018 in Berlin zum Ende gekommen.

Aus Bekanntschaften sind Freundschaften entstanden und aus dem Tatendrang sind Taten erwachsen. Wir gehen zurück in unsere Bundesländer, bis das Schicksal uns wieder vereint.

Die Jugend ist motiviert und möchte die Welt verändern. Sie muss gleichberechtigt werden und will ernst genommen werden. Nur dann kann sie die Zukunft, die eines Tages ihre Gegenwart sein wird, auch gestalten. Sie muss gefördert und gefordert werden, um die Probleme, die uns alle eines Tages beschäftigen werden, auch meistern zu können. Nur wenn wir jedem Menschen unvoreingenommen und mit Respekt begegnen, können wir eine gute Gesellschaft sein. Dies ist nur eine Antwort auf die vielen Herausforderungen, die sich unserer Generation stellen.

„Ihr seid nicht die Entweder-Oder-Generation, sondern die Sowohl-Als-Auch-Generation.“
–  Ingo Leven

#empowerment #veranstaltung

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  • von Mulla Çetin
  • am 7. Juni 2018