Besuch beim Bundespräsidenten

Besuch beim Bundespräsidenten

5. Dezember 2018

Ich öffne wie jeden Tag den Briefkasten. Irgendwie freue ich mich immer über Post. Alle Postkarten hängen in meinem Flur und ich freue mich immer wieder die Briefumschläge aufzureißen. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung ist es ja etwas besonderes, richtige Post zu bekommen. Oft wird man enttäuscht, da es nur Rechnungen, Kontoauszüge oder dergleichen sind. Doch an diesem Tag sollte es anders sein. Da finde ich einen Brief mit dem Bundespräsidialamt als Absender. Ein eingestanzter Bundesadler auf der Rückseite.

Hat es etwa tatsächlich geklappt? Einige Wochen vorher hatte ich erfahren, dass ich für das Bürgerfest des Bundespräsidenten nominiert wurde. Doch niemals hätte ich gedacht, dass ich unter den ca. 14 Millionen Ehrenamtlichen in Deutschland ausgewählt und eine Einladung erhalten würde. Was für eine Ehre!

Die Einladung habe ich dann erstmal (ein hoch auf die Digitalisierung!) per Whats-App mit meiner Familie geteilt. Meine Großeltern waren wahnsinnig stolz und haben mir geschrieben, sobald sie etwas darüber in der Zeitung oder im Fernsehen gesehen haben. Ich durfte sogar eine Begleitung mitbringen! (Bin ich jetzt erwachsen?!) Ich meldete also mich und meinen Freund direkt dort an. Die Bahn wurde gebucht, das Hotelzimmer ebenfalls und ist das nicht eine tolle Gelegenheit ein neues Kleid zu kaufen?! Es gab ja schließlich eine doch sehr genaue Kleiderordnung. (Nebenbei bemerkt, meine erste Einladung mit Kleiderordnung!)

So machten wir uns am 07. September auf den Weg nach Berlin. Die Bahn hat dafür gesorgt, dass wir wieder etwas zu erzählen hatten (Stromausfall, 40 Minuten Verspätung, eine Frauengruppe mit Sekt vor uns, eine Männergruppe mit Bier hinter uns = Klischees bestätigt). Wir machten einen kurzen Stopp im Hotel und auf gings zum Schloss Bellevue. Dort hieß es erstmal Schlange stehen wegen der Sicherheitskontrolle. Hier konnte man schon erahnen, was die Besonderheit dieses Events ausmacht. In der Schlange standen die verschiedensten Menschen. Kinder, Familien, Freunde, Paare, Senioren in Abendkleidern, Cocktailkleidern, Anzügen, Freizeitkleidung, Tracht und Uniform. Solch eine Vielfalt an Menschen und Outfits habe ich selten gesehen. Und in den Augen aller funkelte die Vorfreude und Aufregung auf den Abend und ein gewisser Stolz, an diesem Fest teilnehmen zu können.

Pünktlich zur Eröffnungsrede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier waren wir vor Ort. Während ich solchen Reden meistens nicht besonders viel Aufmerksamkeit schenke, muss ich diesmal sagen, dass es eine wirklich gelungene Rede war. Insbesondere folgender Teil hat mich persönlich sehr bewegt:

"Es gibt Engagierte, die ernten im Alltag nicht Dank, nicht Lob – und nicht einmal Respekt. Sondern die werden beschimpft für ihre Arbeit. Die werden bedroht, weil sie Obdachlosen oder Flüchtlingen helfen, oder weil sie den Mund aufmachen. Bitte lassen Sie uns das heute geraderücken: Nicht diejenigen müssen sich rechtfertigen, die Mitmenschlichkeit beweisen, sondern die, die sie verweigern!“ 

Und hier sind wir an genau dem Punkt, der das Bürgerfest so besonders macht. Es ist nicht unbedingt die Ehre, den Bundespräsidenten zu treffen, sondern es ist die Ehre, dort so viele engagierte Menschen zu treffen. Gibt es einen Ort, an dem es mehr Offenheit und Empathie gibt, als auf einem Fest, auf dem nur ehrenamtlich Engagierte zugegen sind? Diese Demut und Empathie der Menschen um mich herum hat mich nachhaltig beeindruckt.

#begegnung #veranstaltung

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  • von Julia Henn
  • am 5. Dezember 2018