Empört euch!

Empört euch!

26. Juli 2018

Am 1. Juli fand der Tag gegen Antimuslimischen Rassismus statt. Bundesweit engagierten sich das JIK-Netzwerk und andere Akteur*innen gegen Rassismus und Islamfeindlichkeit und machten damit auf das Thema aufmerksam. Warum das so wichtig ist und was wir noch tun könnten beschreibt Mulla Çetin.

Worte können vergiften

Als ich noch in die Schule ging, brachte man uns die Gepflogenheiten der Gesellschaft bei – stets auf seine Wortwahl zu achten und niemanden wegen seiner oder ihrer Religion zu diskriminieren. Heute jedoch muss ich schmerzlich feststellen, dass wir über einander herfallen, als gäbe es keinen morgen. Kontenance ist für viele mittlerweile zur Exotin mutiert. Durch ständige Tabubrüche hat man rote Linien überschritten und die Diskussionskultur in diesem Land merklich vergiftet.
Die pervertierte Sprache der vergangenen Jahre hat ihre Früchte hervorgebracht.
Im Jahr 2015 legte die Bertelsmann-Stiftung alarmierende Zahlen vor: 57 % der nichtmuslimischen Mehrheitsbevölkerung gaben an, dass der Islam eine Bedrohung sei.

Aus Worten werden Taten

Weiterhin erfasste das Bundesinnenministerium im Jahr 2017 über 1000 islamfeindliche Straftaten – der Zentralrat der Muslime geht von einer viel höheren Dunkelziffer aus. Angriffe auf Muslime und Schändungen ihrer Gotteshäuser sind keine Seltenheit mehr. Auch mit Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt müssen Muslime kämpfen und haben es wesentlich schwerer als Nichtmuslime, trotz identischer Qualifikationen. Darüber hinaus machen Parteien mit antimuslimischen Aussagen erfolgreich Politik und starre Stereotype dominieren unsere Berichterstattung über den Islam. Mittlerweile ist er für viele Menschen leider zum Sammelbecken ihrer Ängste, Probleme und Sorgen geworden.

Gesellschaft und Regierung stehen in der Pflicht

Ja, es gibt ein Problem mit Islamfeindlichkeit in unserem Land. Diesen Entwicklungen müssen wir gesamtgesellschaftlich entgegentreten – bei Alltagsrassismen nicht schweigen, den Dialog suchen aber auch Schwierigkeiten und Hindernisse klar benennen. Symboldebatten haben uns freilich nicht weitergebracht, ebenso wenig, wie Konflikte ständig zu „islamisieren“. Die Regierung ist hier zweifelsohne auch in der Pflicht, auf das Phänomen des Hasses zu reagieren. Es ist daher Zeit für einen Beauftragten gegen antimuslimischen Rassismus. Es wäre ein wichtiges Zeichen, dass Deutschland jenes Problem anerkennt und auch konsequent angeht. Die Notwendigkeit besteht und wäre ein erster Schritt in Richtung Lösung.

Eine persönliche Note

Mit Sorge verfolge ich die Entwicklungen gegen Muslime in Deutschland und Europa. Es betrübt mich, dass Fakten für viele nicht mehr zählen,  ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisiert und unter Generalverdacht gestellt werden. Ich will anhand meiner Taten beurteilt werden und nicht aufgrund meiner Religion. Ich lasse mich von niemandem meiner Teilhabe berauben und meine Vollwertigkeit als zugehöriges Individuum dieses Landes absprechen. Auch ich bin Deutschland. Muslimsein und Deutschsein sind keineswegs zwei unvereinbare Dinge. Ich habe Hoffnung.
Der bedeutende Vorteil meiner Generation ist, dass wir mit Diversität groß geworden sind – wir haben die Chance einen enormen Beitrag zu einer pluralistischen Demokratie beizutragen. Ob uns das gelingt hängt auch davon ab, wie sehr sich jeder dafür einbringt. Eines ist allerdings klar: Friedensstifter braucht das Land, keine Hassprediger, die uns spalten. Schon im Jahr 2010 sagte der damalige Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Daran hat sich – trotz neuer Bundespräsidenten – auch 8 Jahre später nichts geändert. Am Mut zur Bekenntnis allerdings schon. Gerade in Zeiten erstarkender Muslimfeindlichkeit brauchen wir diesen Mut dringender denn je. Der erste Juli und die Erinnerung an die ermordete Marwa el-Sherbini kann Anreiz dafür schaffen.

#empowerment #integration #zugehörigkeit

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  • von Mulla Çetin
  • am 26. Juli 2018