Rezension: Fremdgemacht und Reorientiert

Rezension: Fremdgemacht und Reorientiert

21. Januar 2019

Unser Netzwerk-Mitglied Erik hat sich das Buch „Fremdgemacht und Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen“ genauer angesehen und fasst hier zusammen, was das Buch so mit sich bringt.

Der Sammelband „Fremdgemacht und Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen“, welcher von Armin Langer und Ozan Zakariya Keskinkılıç herausgegeben wurde und Texte von verschiedensten Autor*innen vereint, fordert den Leser durch anspruchsvolle Beiträge heraus.

Die Texte konfrontieren die Leserschaft mit bestehenden Klischees und helfen dabei, eigene Standpunkten zu dem Thema Islam und Judentum und zu der Rolle von Juden und Muslimen in der Gesellschaft und zueinander zu hinterfragen. Schon im ersten Text wird das Bild, dass Juden und Muslime sich als Pole gegenüber stehen, in tausend Teile zertrümmert. Iman Attia, Professorin für Critical Diversity Studies, stellt in ihrem Text fest, dass sich Juden und Muslime gar nicht so sehr unterscheiden, wie man denkt. Sie gibt damit einen roten Faden vor, der viele Texte des Sammelbandes prägt.
Wenn man die Texte liest, wird deutlich, dass sowohl Muslime, als auch Juden mit ähnlichen Vorurteilen und ähnlichen Erwartungshaltungen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft zu kämpfen haben. So beschreibt Max Czollek sehr prägnant, wie schwer es ist, als jüdischer Kunstschaffender aus der Rolle des „Juden“ auszubrechen.

Juden und Muslime müssen oft als Vertreter einer ganzen Gruppe auftreten und werden so nicht mehr als Individuen wahrgenommen. Als Stellvertreter dienen sie oft als Projektionsfläche für die Vorurteile, die ihrer jeweilige Gruppe zugeschrieben wird. Der Titel nimmt Bezug darauf, dass beide Gruppen durch diese Zuschreibungen zu Fremden gemacht werden. Ihnen wird eine einheitliche Identität angedichtet, die in Wahrheit aber viel diverser ist. Viele Texte des Sammelbandes versuchen diese Identitäten zu dekonstruieren. So hinterfragt zum Beispiel Stephanie Schüler-Springorum in ihrem Text den Begriff „christlich – jüdisches Abendland“. Kann man von einer christlich-jüdischen Tradition sprechen, wenn die Juden die meiste Zeit der europäischen Geschichte über marginalisiert und unterdrückt wurden? Haben sich nicht viele Denker der Haskala dem Wissen und den Gedanken des islamischen Mittelalters bedient? Ist das christlich-jüdische Abendland so nicht auch ein bisschen islamisch? Indem solche Fragen vielleicht auch manchmal provokativ gestellt werden, werden Denkmuster durchbrochen. Die Texte zeigen, dass der Blick auf jüdische und muslimische Identitäten zu einseitig sind. Wenn Shemi Shabat in seinem Text mit dem Europa-Fokus bricht und daran erinnert, dass Juden und Muslime im Nahen Osten über Jahrhunderte hinweg zusammengelebt haben, fordert er dazu auf, bestehende Freund-Feind-Muster zu hinterfragen.

Meiner Meinung nach versucht der Sammelband nicht gleichzumachen oder Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus auf eine Stufe zu setzen. Viel mehr wird deutlich gemacht, dass es sowohl auf einer akademischen Ebene als auch im persönlichen Leben der Menschen schwierig ist, sich gegen bestehende Rollenmuster durchzusetzen. So scheint es immer noch für viele Menschen schwierig, zu glauben, dass ein jüdisches und ein muslimisches Begabtenförderwerk zusammenarbeiten könnten. Genau an diesem Punkt setzen Langer und Keskinkılıç an. Indem sie ein diverses Bild von zwei Religionsgemeinschaften und deren Sichtweisen aufeinander zeichnen, versuchen sie zum Nachdenken anzuregen über Identität, Zusammenleben und unsere eigene Wahrnehmung. Sie leisten meiner Meinung nach so einen wertvollen Beitrag dazu, reale und vor allem konstruierte Grenzen zu überwinden und bieten neue Ansätze für eine wichtige Debatte.

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  • von Erik Jödicke
  • am 21. Januar 2019