Gedanken zu Kübra Gümüşays „Sprache und Sein“

Gedanken zu Kübra Gümüşays „Sprache und Sein“

28. April 2020

„Dieses Buch folgt einer Sehnsucht: nach einer Sprache, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. Nach einem Sprechen, dass sie in ihrem Facettenreichtum existieren lässt.“ 

Mit diesem machtvollen und idealistischen Satz beginnt der Klappentext des im Januar 2020 erschienen Buches „Sprache und Sein“ der Autorin und politischen Aktivistin, Kübra Gümüşay.

Ich klappe das Buch wieder zu. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem Freund in meinen Zeiten an der Freien Universität, in der ich ähnliche Sätze von mir gab. Ich sprach jedoch nicht mit einem träumerischen Unterton, sondern vielmehr schneidend und fordernd mit der Zunge einer Idealistin, die gerade aus der Menschenrechtsvorlesung kam. Überzeugt von meinen Vorstellungen einer gerechteren Welt, jedoch zutiefst irritiert, wenn ich damit nicht auf Zuspruch traf. Mit hitzigem Kopf trug ich vor wie es sich anfühlte, jedes Mal beim Kennenlernen einer neuen Person gefragt zu werden woher man käme. Als ob akzentfreies, perfektes Deutsch noch nicht genüge eine Zugehörigkeit in Deutschland festzustellen. Als ob fast 100 Jahre Einwanderungsgeschichte nichtexistieren würden.

Wie jedes Mal, wenn ein Mensch, meist bevor er meinen Namen überhaupt kannte, meine körperlichen Merkmale als fremd kategorisierte und durch die Herkunftsfrage die passende Schublade suchte, in die er mich packen konnte – wie seine Socken beim
sonnabendlichen WG-Waschtag, die ordentlich einsortiert werden mussten.
Wie kürzlich als eine Professorin ein privates Gespräch in der ersten Reihe zwischen mir und meiner Freundin mithörte. Ich redete ganz alltäglich davon, dass ich meinen
Personalausweis erneuern müsste, da dieser ablief. Die Professorin unterbrach unser
Gespräch ganz perplex darüber, dass ich einen deutschen Pass habe.

„Das ist halt so Duygu“ sagte er. „Das ist überall auf der Welt so, nicht nur hier.“
„Wir müssen halt damit klarkommen. Du siehst das zu emotional, du bist da zu
empfindlich.“ War ich das? Waren die Gefühle, die diese Fragen und Reaktionen über mein Dasein in Deutschland in mir auslösten, von Wut und Trauer zugleich, übertrieben?

Antiseptikum für meine Wut und Angst

Als ich das Buch las, um diese Rezension zu schreiben, befand ich mich in einer
recht depressiven, hoffnungslosen Stimmung. Über mehrere Tage erlebte ich ein Hoch meiner Ängste, ich war wütend, aggressiv, stets den Tränen nahe. Ich las das Buch nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Hanau, bei dem zehn junge Menschen kaltblütig ermordet wurden. Alle meine Rassismuserfahrungen, die Rassismuserfahrungen meiner Familie, meiner Freunde, Freunden meiner Freunde, von Menschen die ich nicht kenne deren Erfahrungen ich aber gehört und von denen ich gelesen habe, rauschen täglich, stündlich in meinem Kopf herum – wie Autos auf Deutschlands berühmt berüchtigten Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Bei jedem Gespräch über den Anschlag redete ich mich in Rage, versuchte verzweifelt ein Ventil für meine Wut und Angst zu finden, versuchte irgendwo in meinem Gegenüber Resonanz zu bekommen, dieselben Gefühle zu dieser grausamen Tat festzustellen und Worte zu hören, die meiner blutenden Wunde ein Antiseptikum wären.

Übrig blieb danach nur noch eine emotionale Leere, mit der ich die Gesichter in der Bahn beobachtete, die mir begegneten. Hat sich in ihren Leben genauso etwas zugetragen? Hat sie das grausame Ereignis genauso getroffen wie mich?
Ein Typ der genüsslich in seinen Burger biss, während wir alle in einer vollbesetzten
Bahn saßen oder der andere der bei Ebay Kleinanzeigen nach einer gebrauchten Play
Station suchte oder die zwei Frauen die sich gegenseitig ihre Online Dating Matches
Zeigten – sie ließen mich daran zweifeln.

Bei jedem Gespräch über den Anschlag in Hanau redete ich mich in Rage, versuchte verzweifelt ein Ventil für meine Wut und Angst zu finden, versuchte irgendwo in meinem Gegenüber Resonanz zu bekommen, dieselben Gefühle zu dieser grausamen Tat festzustellen und Worte zu hören, die meiner blutenden Wunde ein Antiseptikum wären.

Mein Traum von der Idylle

Mehrere Wochen wurde ich diese Gefühle nicht los und zweifelte stark an einer Zukunft
in diesem Land. Mein Traum vom einsamen Häuschen irgendwo in der Naturidylle, in
einem fernen Land, mit eigenem Gemüsegarten und weit und breit keinem anderen
Menschen, wurde präsenter den je – erschien nun gar instinktiv unausweichlich.
Ich war angespannt vor dem Lesen dieses Buches. Ich hatte Angst auf noch mehr von
Deutschlands „dunklen Seiten“ zu treffen. Angst, tiefer in diese vermeintlich
aussichtslose Thematik hineinzuschlittern. Es kümmerte keinen was passiert war, sollte
ich daher nicht auch versuchen mich mit anderen Dingen zu beschäftigen? Wird mich
das Buch weiter hinunterziehen, in eine deprimierte Endlosschleife? Auch
Hoffnungsvolles war ich nicht bereit zu lesen. Ich hatte schlicht keine Hoffnung auf
Veränderung in der Gesellschaft.

Durch die kurz darauf hereinbrechende Quarantäne aufgrund des Coronavirus blieb mir
jedoch nichts anderes übrig, als die Beschäftigung aufzugreifen, die ich von Kindheit an
meditativ und täglich tat, jedoch seit langem nicht mehr praktizierte: Lesen. Ein Buch
nach dem anderen. In andere Welten eintauchen, um die reale eine Weile zu vergessen
und Ruhe zu finden. Ich begann also mit gemischten Gefühlen „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüşay zu lesen.

Von den Benannten

Das Buch zeigt zunächst auf, unter welchen Aspekten uns Sprache eingrenzt und
inwiefern unser Sprechen Menschen ihrer Individualität beraubt, sie „entmenschlicht“.
Um dies zu verdeutlichen, stellt Gümüsay ein Konzept des „Museums der Sprache“ vor,
welches sie Synonym für unsere gegenwärtige Gesellschaft verstanden haben möchte.
In diesem Museum gäbe es zwei Prototypen von Menschen, „die Unbenannten“ und „die
Benannten“. Die Unbenannten sind Menschen, denen Individualität zugesprochen wird.
Sie stehen mit Ihrem Verhalten und ihren Eigenschaften nicht für eine Gruppe von
Menschen sondern können mit ihrem Verhalten eigens sich selbst figurieren.
Ambiguität wird ihrem Sein zugesprochen.

Die Benannten hingegen besitzen keine Individualität. Sie sind allesamt Vertreter*innen von Stereotypen, sie sind „der Türke“, „der homosexuelle Mann“, „die behinderte Frau“, „der muslimische Mann“, „die Frau mit Kopftuch“. Alles was die Benannten im Einzelnen tuen, wird von den Unbenannten direkt auf eine größere Gruppe von Menschen projiziert.

Als Benannte, nach dem sehr realen Konzept das Gümüşay in Ihrem Buch darstellt, könnte ich an dieser Stelle etliche Erfahrungen teilen. Zunächst fiel mir ein, dass weiße Menschen oft nach oberflächlichem Kontakt mit mir zur Erkenntnis kamen, dass ich ja gar nicht wie die „anderen“ Türk*innen sei. Was für eine Beleidigung. Natürlich bin ich wie alle Türk*innen in Deutschland. Und ich bin auch wie alle Türk*innen auf der Welt. Genauso wie alle Deutschen*, wie alle Deutsche* in Deutschland und auf der Welt sind. Hatten sie alle denn noch nicht verstanden, dass ethnische Zugehörigkeit gleich Persönlichkeit bedeutete?

Muslimisiert

Eine Kommilitonin, die mir einmal zwischen Tür und Angel von ihrer Israelreise
erzählte und schilderte, was für ein tolles Land es doch sei, der Aufprall der zwei Welten
von Tel Aviv und Gaza jedoch erschütternd anzusehen. Plötzlich fragte sie mich, ob mich
das Leid in Gaza sehr mitnehmen würde, „so als Muslimin“. Ich war erst einmal irritiert
und antwortete ich sei noch nie in Israel oder in Gaza gewesen. Fragte sie mich das
gerade allen Ernstes? Bei mir kam an: Für mich als deutsche Christin kann das Leid von
muslimischen Menschen, direkt vor meinen Augen im „Urlaub“, nicht so tragisch sein
wie für irgendeinen muslimischen Menschen. Wow. Von diesem ekelhaft
kategorisierenden Denken von Leid mal abgesehen, wurde ich auch noch nach meinen
äußeren Merkmalen von der Person als Muslimin eingestuft. Ich fragte Sie daraufhin
nur, ob Sie wie die Millionen von Christ*innen, die jährlich zum Geburtsort von Jesus
Christus nach Israel pilgerten, auch geweint hätte als Sie die Brache und das Kreuz sah,
das an die Stelle gezeichnet ist, wo der Babykörper Jesu gelegen haben soll.

Ein anderes Mal, war ich abends nach einem Barbesuch mit einem Freund und dessen Kumpel auf dem Heimweg Richtung U-Bahn. Er holte sich noch ein Bier auf dem Weg und fragte, ob ich auch eins wolle. Ich verneinte. Als er wiederkam, fragte er ob ich aus religiösen Gründen keinen Alkohol trinken würde. Der Typ kannte mich seit zwei Stunden. Wir sprachen weder über meine religiöse Zugehörigkeit noch über die Einwanderung meiner Familie, wie es ja sonst als toller Gesprächseinstieg für weiße Menschen betrachtet wird. Und trotzdem war ich für ihn, aufgrund meiner dunklen Haare und Augen bereits Vertreterin des muslimischen Verbands in Deutschland. Hätte er mich dasselbe gefragt, wenn ich eine nicht-trinkende Blondine namens Lisa wäre? Wohl kaum. Da wäre ich allerhöchstens gefragt worden, ob ich gerade den „Sober October“ mache und versuche zu entgiften.

Ich erkenne mich wieder

Wir Benannten können nicht einfach nur als Individuum agieren, sondern werden stets als Repräsentant*in einer Gruppe gesehen. Dies waren also die „Käfige“, in denen auch ich mich als „fremd“ markierte schon mein Leben lang ungewollt eingeschlossen befand. Kübra Gümüşay beschreibt die Lage mit diesem Bild sehr präzise. In vielen ihrer Beispiele erkenne ich mich wieder. Es ist als würde ich Erkenntnisse und Gedanken, die ich genauso bereits zu verschiedenen Ereignissen hatte oder die mir ernüchternd bewusst wurden, erneut erleben – nur eben präzise veranschaulicht und sprachlich auf den Punkt gebracht. So, wie ich die Zustände nie in Worte fassen könnte.

Das Gefühl von „Sprachlosigkeit“ das Kübra Gümüşay ebenso beschreibt, kenne ich sehr gut. Gümüşay verwendet durch das ganze Buch hindurch eine lebendige Erzählstruktur, die viele Gefühle und Situationen, hervorgerufen durch alltäglichen Rassismus und Diskriminierungserfahrungen, sehr bildhaft aufzeigt. Leser*innen, vor allem solche die sich in einem dieser „Käfige“ vorfinden, werden viele der aufgeführten Beispiele, nachempfinden können, wenn sie diese nicht sogar selbst etliche Male erlebt haben.

Sprache formt Denken und damit das Sein

Besonders gefielen mir die ersten Kapitel des Buches, die Sprache im wissenschaftlichen und philosophischen Kontext betrachten. Mir wurde die Dimension des Zusammenhangs der gebrauchten Sprache und ihrer Begrenzung unseres Denkens nochmal deutlicher vor Augen geführt. Als mehrsprachige Person und aktive Sprachenlernerin, waren mir die aufgezeigten Unterschiede zwischen Sprachen bewusst und dennoch staunte ich über das was ich las, da mein Wissen weniger auf
wissenschaftlichen Quellen, als auf Erfahrungswerten basierte.

Manch einer könnte hier anführen, dass die geteilten Ansätze nicht ausreichend belegt und wenig tiefgreifende Informationen beinhalten, um vor allem die weiteren Kapitel zu stützen. Die Autorin scheint mir aber nicht den Anspruch gehabt zu haben, ein sprachwissenschaftliches Sachbuch zu schreiben, sondern vielmehr einen kleinen Einblick in die Kurzsichtigkeit unseres Denkens durch Sprache zu geben.

Die Leser*innen werden somit sensibilisiert, Sprache nicht mehr nur als Kommunikationsmittel wahrzunehmen, sondern auch als Beschränkung unseres Seins und unseres Verständnisses von Existenz. Vertieft werden begonnene Fragestellungen zu den genannten Grenzen der Sprache unter anderem anhand des Diskurses zur sprachlichen Gleichstellung der Frau* und von nicht-binären Menschen. Hierfür wird unter anderem die deutsche Sprache mit anderen genderneutralen Sprachen wie z.B. türkisch oder indonesisch, sowie der Effekt, den dieser Unterschied in unserem Denken macht, verglichen.

Ein für mich erstaunliches Beispiel war die Schilderung eines Gespräches im Rahmen einer Studie: Einer der Studienleiter*innen führte mit einer Frau* ein Gespräch auf Indonesisch, über eine andere Person. Dabei kam es erst nach einer halben Stunde zu der Frage des Geschlechtes. Andere personenspezifische Merkmale, wie Charaktereigenschaften, standen entgegen der Geschlechterfrage im Vordergrund. Das Geschlecht hatte also möglicherweise aufgrund der Genderneutralität im Indonesischen weniger Relevanz.

Gümüşay schreibt richtigerweise, dass mit der linguistischen Gleichstellung der Geschlechter leider keine Geschlechtergerechtigkeit per se auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Struktur erschaffen wird. Dennoch zeigt und beschreibt sie anhand von Beispielen, wie dem eben genannten, welche Auswirkung nicht genderneutrale Sprache auf unser Denken hat. Die Frau* existiert im deutschen nicht als Mensch,
sondern vielmehr als Nebenvorkommen des Mannes*, der weitestgehend als Neutrum unserer Spezies verstanden ist. (siehe auch Caroline Criado-Perez, Unsichtbare Frauen, btb- Verlag)

Deutsch ist meine Muttersprache. Ich werde sie daher in Anspruch nehmen, sie formen wie es mir passt, sie sezieren bis ich genug Platz in ihr habe, bis meine Existenz in ihr Normalität ist.
Duygu Hepaydinli

Sprecher*in werden

Um die am Anfang genannte Architektur und „das Museum“ der Sprache zu kontextualisieren, zeigt die Autorin an etlichen Beispielen, drapiert mit vielen Zitaten bekannter Autor*innen, dass Sprache ebenso begrenzen kann, wenn man als Sprecher*in in ihr nicht vorgesehen ist. Dies ist einer der Gründe, weshalb sich die in „Käfigen“ befindenden Menschen immer zu erklären versuchen, um Verständnis beim Gegenüber zu erzeugen. Zugehörigkeit, so erklärt sie, ist an Bedingungen gebunden und
nur einer bestimmten Gruppe von Menschen gewährt.

Den Traum des freien Sprechens definiert Gümüşay mit den Worten:

„Das Sprechen mit Menschen, die mich nicht dazu drängen, mich
verständlich zu machen, die meine Erzählungen und Gedanken durch
ihre Perspektiven ergänzen, das Sprechen mit Menschen, denen ich
keine Zugehörigkeit beweisen muss.“

Um diesem Ideal näher zu kommen, müssten wir aufhören dankbar dafür zu sein „mit
am Tisch“ sitzen zu dürfen, sondern gleichberechtigt mitdiskutieren. Wir sollten so
sprechen, als sei die eigene Perspektive jeder/ jedem Zuhörer*in zugänglich. Wir sollten
uns nicht länger erklären.
Freies Sprechen setzt aber auch voraus, dass die eigene Existenz, die eigene Menschlichkeit und Existenzberechtigung nicht zur Disposition steht. Für die Erlangung und Haltung von pluralen Debatten, die im Grundsatz jedem Menschen wohlwollend gegenübertreten, dürfen und können (politische)Debatten, rechtem Populismus nicht überlassen werden. Das geschieht, wenn rechte Äußerungen zu relevanten Meinungen erhoben werden, wenn ihnen geantwortet wird, ja wenn ihnen
überhaupt eine Reaktion entgegengebracht wird. Sei es analog oder digital. Menschen, die unsere Demokratie und das Grundgesetz ganzheitlich abschaffen wollen, dürfen keine Bühne bekommen – sie sollten überhaupt keine Resonanz erhalten.

Resümee

“Sprache und Sein“ ist ein Appell an all diejenigen, die darauf warten, das ihnen die Gesellschaft Individualität zuspricht, die sich versuchen gegen Stereotype und Verallgemeinerungen so divers wie möglich zu zeigen, die stets Rede und Antwort auf rassistische Fragen zu Ihrer Person stehen.

An all diejenigen, die keine Forderungen stellen und die Teilnahme an gesellschaftlichen Diskursen nicht einfordern, fasst dieses Zitat vom vietnamesisch-amerikanischen Autor Viet Thanh Nguyen, den Apell im Kern hervorragend zusammen:

„Schreibende einer Minderheit, schreibt so, als wärt ihr die Mehrheit.
Erklärt euch nicht. Richtet euch nicht an jemanden. Übersetzt nicht. Entschuldigt euch nicht. Geht davon aus, dass alle wissen, worüber ihr sprecht, so wie die Mehrheit es tut. Schreibt mit all den Privilegien der Mehrheit, aber mit der Demut der Minderheit.
Warum mit der Demut der Minderheit? Weil gedemütigte Menschen oft nicht
lernen, was Demut ist. Deshalb missbrauchen Machtlose, die Macht erlangen,
häufig ihre Macht. Werdet nicht einfach wie die Mehrheit. Seid besser. Klüger. Bescheiden. Aber doch selbstbewusst.“

Diese Worte zu lesen gab mir Hoffnung. Ich verspürte eine globale Verbundenheit mit
allen Menschen, die wie ich, nicht in dem Land leben oder geboren sind, zu dem sie von
der weißen Gesellschaft gezählt und nach rassistischen Merkmalen kategorisiert werden.
Ich bin nicht allein mit meinen Gefühlen. Ich bin auch nicht zu empfindlich. Meine Erfahrungen sind nicht einfach hinzunehmen oder auszuhalten. Ich bin in diesem Land geboren und Deutsch ist meine Muttersprache. Ich werde sie daher in Anspruch nehmen, sie formen wie es mir passt, sie sezieren bis
ich genug Platz in ihr habe, bis meine Existenz in ihr Normalität ist. Ich werde es tun, wie jeder andere auch, dessen Daseinsberechtigung in diesem Land noch nie in Frage gestellt wurde. Ich werde auf Fragen, die mir nicht gefallen nicht mehr antworten, höchstens eine genauso blöde Frage zurückwerfen und das Gespräch damit beenden. Ich werde nicht aufhören, Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass das was sie sagen oder tun rassistisch ist, auch wenn sie mich zum größten Teil entsetzt
ansehen und sich ein beleidigter Gesichtsausdruck auf ihren Gesichtern breit macht.

Bio-Gurken in Plastik verpackt

Was ist ein weißer oder weiß gelesener Mensch, der einmal mit seiner vermeintlich unbewusst rassistischen Denkweise konfrontiert wird, gegenüber Millionen von BPOC’s* die sich seit ihrer Kindheit mit Gefühlen der Un-Zugehörigkeit, Fremdheit und Stereotypen zu Ihrer Herkunft auseinandersetzen müssen? Ungewollt gezwungen zu der Auseinandersetzung mit Rassismus sobald man in einem Land wie Deutschland geboren wird und keinen offensichtlich europäischen Namen trägt. Das ist ein bisschen wie Bio-Gurken, die in Plastik verpackt sind.

Die Berliner*in, die Wert auf einen Zero-Waste Lebensstil legt und versucht Plastik zu vermeiden, jedoch für den Verzehr von gutem Biogemüse bis vor kurzem dazu gezwungen war das Plastik mitzukaufen. Kann man das Leben in Deutschland als nicht weißer Mensch und die damit einhergehende Auseinandersetzung mit Rassismus, so banal mit dem Kauf einer Bio-Gurke in Plastik verschweißt, vergleichen? Natürlich nicht, doch schön wäre es.

#rezension

Diesen Artikel teilen

  • von Duygu Hepaydinli
  • am 28. April 2020