Zur Täterin gemacht

Zur Täterin gemacht

11. Februar 2022

Eine 17-jährige wurde in Berlin wegen einer angeblich fehlenden Mund-Nasen Bedeckung von sechs Erwachsenen gewalttätig angegriffen, so titelt es am Mittwoch (09.02.2022) bei vielen überregionalen Zeitungen.  Dass Rassismus, Ausländerhass und fehlende Zivilcourage dahintersteckten, darüber wurde nicht einmal lokal berichtet.

Die 17-jährige Dilan Sözeri, welche am Samstagabend an der Tramhaltestelle Greifswalder-Straße in Berlin, rassistisch beleidigt und zusammengeschlagen wurde, muss sich vier Tage nach der Tat selbst auf Instagram zu Wort melden. Sie spricht in ihrem Video direkt aus dem Krankenhausbett, wo sie sich nach den zahlreichen Verletzungen, unter anderem einem Bauch- und Hirnschädeltrauma, noch immer befindet. Diese wurden ihr von sechs alkoholisierten Erwachsenen zugefügt, von denen sie zuerst einmal in der Tram rassistisch beschimpft und bis zur Haltestelle verfolgt wurde, um sie dort schließlich körperlich zu attackieren.

Wieso war davon nichts in der Polizeimeldung zu lesen? Wieso haben zahlreiche Medien diese Meldung einfach unkritisch übernommen? Warum wurden Fakten verdreht, etwa, dass die Attackierte keine Maske trug, wohingegen sie die einzige war mit Maske? Und vor allem: Warum wurde das rassistische Motiv der Angreifer*innen unterschlagen? So wurde aus dem Opfer eines rassistischen Übergriffs eine Täterin gemacht.

Die letzten Wochen häufen sich rassistische Vorfälle wie dieser. Der Anschlag auf eine Moschee in Halle, die Entlassung einer Praktikantin aufgrund ihres Kopftuchs aus einem Krankenhaus in Herne und nun ein rassistischer Angriff auf ein junges Mädchen aufgrund ihrer nicht-deutschen Herkunft. Wurde einem der Fälle wirklich große Aufmerksamkeit geschenkt? Nicht wirklich.

So wurde aus dem Opfer eines rassistischen Übergriffs eine Täterin gemacht.

Die Berlinerin erzählt in ihrem Instagram-Video, dass sie zwischen den Beleidigungen beteuerte: „Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen!“. Ein Satz, den ich auch immer wieder in den unterschiedlichsten Situationen als Mantra wiederholt habe. Wohl in der naiven Hoffnung, es würde auf magische Weise den Menschen zu verstehen geben, dass ich eine von ihnen bin. Genau wie Dilan, längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich bin keine Ausländerin, die immer wieder aufgrund ihres als muslimisch gelesenen Erscheinungsbildes, des Namens oder der Religion, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden will. Doch immer wieder ist die Enttäuschung groß, wenn von solchen Überfällen zu hören ist, die es nicht einmal korrekt wiedergegeben in die Medien schaffen. Immer wieder wird man von der ernüchternden Erkenntnis erschlagen, dass man sich immer noch dort befindet, von wo man gestartet ist. Die ewigen Debatten über Vielfalt und Toleranz, die nur den Schein wahren sollen. Eine Illusion, dass etwas getan wird, dass wir geschützt werden. Denn wie soll man die Dunkelziffern über sich wiederholende Anschläge auf Moscheen ausblenden, die Augen davor verschließen, dass rechtsextrem motivierte Taten einen Höchststand nach 20 Jahren erreicht haben? Sind es solche Fälle nicht wert, dass dazu journalistisch-kritisch recherchiert wird? Oder soll das Problem nicht beim Namen genannt werden? Deutschland hat ein strukturelles Rassismusproblem!

Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, stellen sich Menschen in solchen Situationen nicht schützend vor Betroffene. Es fehlt an Mut und an Courage, in Situationen wie dieser zu handeln.

Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, stellen sich Menschen in solchen Situationen nicht schützend vor Betroffene. Es fehlt an Mut und an Courage, in Situationen wie dieser zu handeln. Die meisten von uns posten zwar jedes Jahr am Holocaustgedenktag ein trockenes #niewieder, um ihr Gewissen zu beruhigen, besitzen jedoch nicht genug Rückgrat, um bei gegenwärtigem Unrecht einzuschreiten. Dass das Opfer des rassistischen Übergriffs nun selbst ein Statement in den Sozialen Medien veröffentlichen muss, um überhaupt gehört zu werden, ist erschreckend, überraschen tut es mich aber nicht mehr.

Wegschauen, weiterscrollen, weitermachen – nicht unser Problem! Bloß nicht länger als eine Millisekunde an Gedanken über ein gesellschaftlich relevantes Thema verschwenden, denn es könnte ja sein, dass man doch emotional wird. Es wird von einigen schon als Leistung verbucht, wenn ein relevantes Thema in die eigene Story gesetzt und mit den Followern geteilt wird. Ob das nun ein tief verwurzeltes Problem wie Rassismus tatsächlich beseitigt, das bezweifle ich!

#kritik #rassismus

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  • von Rameza Monir
  • am 11. Februar 2022