Interview mit Lamya Kaddor: Sind Jugendliche anfälliger für Radikalität oder offener für Diversität?

Interview mit Lamya Kaddor: Sind Jugendliche anfälliger für Radikalität oder offener für Diversität?

16. April 2019

Auf der Bundeskonferenz 2018 hatten wir interessante Gäste und Inputgeber*innen, unter anderem auch die Islamwissenschaflterin Lamya Kaddor. Sie hat den Teilnehmenden das Forschungsprojekt »Islamfeindlichkeit im Jugendalter« vorgestellt.

Im Anschluss auf den Workshop gab sie uns im Interview einen tieferen Einblick in das Thema Islamfeindlichkeit unter Jugendlichen.

Worin sehen Sie den Mehrwert in einem Dialogforum wie der Jungen Islam Konferenz?

Lamya Kaddor: Es ist wichtig, dass junge Menschhen muslimischen und nicht-muslimischen Glaubens zusammenkommen, sich konstruktiv austauschen und weiterbilden. Bereits die Begegnung von Menschen unterschiedlichster religiöser, ethnischer und sozialer Herkunft hat einen hohen Wert.

Das diesjährige Konferenzthema ist „Alles bleibt anders“. Wir beschäftigen uns damit, was unsere Generation ausmacht, was vielleicht bei uns anders ist, welche Chancen und Hürden uns begegnen. Was verbinden Sie mit unserem diesjährigen Motto?

Lamya Kaddor:  In dem Motto „Alles bleibt Anders“ finde ich mich wieder, denn tatsächlich spielt das „Anderssein“ auch in meiner Biographie eine große Rolle. In einer diversen Gesellschaft anders zu sein, ist wiederum normal und das fand ich für mich sehr positiv und sehr passend.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen der jungen Generation und der älteren Generation in ihrer Einstellung gegenüber Vielfalt?

Lamya Kaddor: Studie zufolge sind Jugendliche oder junge Menschen diversitätsoffener als Erwachsene. Sie wachsen selbstverständlich divers und pluralistisch auf. Sie sind den Umgang mit Vielfalt gewohnt und kennen unterschiedliche Lebensentwürfe. Bereits in der Kita oder in den Schulen ist der Alltag für Jugendliche multikulturell, multireligiös und inklusiv geprägt.

Gleichzeitig haben Sie Radikalisierungstendenzen unter Jugendlichen erforscht und auch bei Ihnen Tendenzen für Islam- und Muslimfeindlichkeit gefunden. Sehen Sie auch in der jungen Generation Affinität für Radikalität oder eher eine größere Offenheit?

Lamya Kaddor:  Als junger Mensch wächst man zwar offener auf, aber ist natürlich auch empfänglicher für radikale Ideen, wenn man Orientierung sucht. Diversität kann einem zwar ebenfalls Orientierung schenken, allerdings ist dies ungleich schwieriger, weil es keine festen Kategorien gibt. Aber wenn man erstmal erlernt hat, welche Orientierung Diversität selbst geben kann, kann dadurch auch ein gesundes Selbstwertgefühl wachsen, das selbst Orientierung spenden kann. Aber Vielfalt kann natürlich auch ein Nachteil werden, wenn man sich darin wegen einer gewissen „Unübersichtlichkeit“ verliert und sein eigenes Ich darin nicht mehr wieder findet.

Haben sie vielleicht einen Tipp, wie man diesen Extremen die Stirn bieten kann? Was braucht es, um Radikalisierungstendenzen, auch unter Jugendlichen, zu begegnen?

Lamya Kaddor:  Wir als Gesamtgesellschaft müssen junge Menschen dazu befähigen, selbstbewusst mit einer bestimmten Haltung aufzutreten und diese auch gegenüber einer Mehrheit zu vertreten. Wir brauchen Vorbilder, die das vormachen. Hier ist klare Haltung und eine feste Orientierung angebracht, die sich klar zu einem pluralistischen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsbild bekennt und diese gegen Gegner dessen verteidigen.

Oft werden Diskurse bestimmt durch ältere Menschen, die in vieler Weise privilegiert sind. Haben Sie vielleicht auch einen Hinweis, wie man es als junger Mensch schaffen kann, die eigene Perspektive stärker einzubringen?

Lamya Kaddor:  Man könnte zivilgesellschaftliches Engagement stärker vorantreiben, um junge Menschen darin zu bestärken, aktiv zu werden und damit etwas bewirken zu können. Die Frage lautet nicht, ob es Ideen, Vorstellungen oder Konzepte gibt. Ich sehe da sehr viel Potential und Ideenreichtum. Es ist eine wichtige Forderung an die Gesellschaft und Politik, Räume zu schaffen, damit junge Leute ihre Ideen einbringen und auch umsetzen können. Dass dies gelingen kann, sehen wir beispielsweise in der weltweiten Schüler*innen-Bewegung „Fridays for Future“.

Sie haben auf unserer Konferenz einen spannenden Vortrag zu Islam- und Muslimfeindlichkeit unter Jugendlichen gehalten, aus denen unsere Teilnehmenden viel mitnehmen konnten. Vielen Dank hierfür. Haben Sie auch etwas mitnehmen können aus der JIK?

Lamya Kaddor: Ich wurde während der Jungen Islam Konferenz in meinem Eindruck im Umgang mit jungen Menschen bestätigt, dass sie Offenheit und Diversität als normal verstehen, in gewisser Form auch fair untereinander bleiben, das Anderssein akzeptieren und es als normal betrachten ohne das Gegenüber allzu schnell zu be- oder verurteilen. Insofern besteht große Hoffnung in junge Menschen, sich für Vielfalt stark zu machen.

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  • von JIK Redaktion
  • am 16. April 2019