Über Perspektiven und Vertrauen – Schule in Zeiten des großen C

Über Perspektiven und Vertrauen – Schule in Zeiten des großen C

16. Juni 2020

Schule ist kein Ort, der alle Schüler*innen gleichermaßen erreicht. Durch Corona potenzieren sich die Ungleichheiten um ein Vielfaches. Die Lehrkräfte leisten viel, um so viele Schüler*innen wie möglich durch diese Krise zu bekommen. Eine Durchatem- und Reflektionspause bleibt da für die allermeisten aus.

© Gerd Altmann auf Pixabay

Seit knapp einem Schuljahr arbeite ich für Teach First Deutschland als ‘‘Digi‘‘ -Fellow im Programm „Sicherer Übergang“ an einer Gesamtschule. Fellows in diesem Programm begleiten und betreuen Schüler*innen im und außerhalb des Unterrichts auf dem Weg in ihr Berufsleben oder in den nächsten Abschnitt ihrer schulischen Laufbahn. Als Digi -(‘‘digital“) Fellow unterstütze ich außerdem bei Projekten, die der Entwicklung von Medienkompetenzen und der Digitalisierung von Schule dienen.

Viele traf es am Anfang wahrscheinlich wie ein Schlag: Von einem Tag auf den anderen mussten Schulen schließen. Menschen sollten sich nicht mehr treffen und weitestgehend nur noch zu Hause aufhalten: Stay home. Stay safe.

So schnell wie diese Anordnung über die Gesellschaft und die Schulen kam, so schnell kamen auch neue Erwartungen und Anforderungen an die Schulen, den Austausch mit Schüler*innen zu erhalten und Möglichkeiten zu finden, den Lernstoff weiterzuführen und auch Prüfungen weiter durchzuführen. Dinge zu durchdenken, gemeinsam die besten Lösungen für die Schüler*innen zu entwickeln – für all das war keine Zeit.

Der Druck steigt

Ich glaube, diese Einschätzung teilen viele Beschäftigte in Bildungseirichtungen.

Während für einige Menschen die Zeit in „Quarantäne“ ihre positiven Seiten hat, sie z.B. zur Entschleunigung geführt hat, erlebe ich, wie der Druck im Kollegium und in der Schüler*innenschaft gestiegen ist.

Dass es nach x-ten Schulmail der Ministerien noch immer keine klare Vorstellung gibt, wie mit dem Unterrichten, den Noten, den Abschlüssen und Anschlüssen, der Betreuung und Unterstützung von Schüler:*innen längerfristig zu verfahren ist, zeigt, in welcher ungewissen Lage wir uns befinden und  mit welcher Ungewissheit Politiker*innen derzeit Entscheidungen treffen, die dann schwerwiegende Konsequenzen für die Schüler*innen haben werden.

Chancengleichheit

Inzwischen ist den meisten klar, dass Ungleichheiten, die lange vor Corona bestanden, sich aktuell wie unter einem Brennglas zeigen. Hier geht es nicht nur um den mangelnden Zugang zu materiellen Ressourcen, wie Laptops, Tablets und einen verlässlichen Zugang zum Internet. Sondern auch um, mangelnden Raum zum eigenständigen Lernen und die fehlende Unterstützung bei den Aufgaben. Und ein geschütztes Dasein in den eigenen vier Wänden ist längst nicht für alle selbstverständlich.

Viele der Schüler*innen, mit denen ich in Kontakt stehe, sind verunsichert. Ohne die Struktur des Schulalltags und die Motivation und Unterstützung, durch die Lehrkräfte, fällt es vielen jetzt schwer sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Im Hinblick auf ‘Lücken‘ in der Schulausbildung und auf Abschlüsse, werden seitens der Politik wenig klare Vorgaben gemacht, was Lehrkräfte wie Schüler*innen gleichermaßen im Ungewissen belässt. Somit bleibt eine der wichtigsten Voraussetzungen für positive Lernentwicklung aus: die Perspektive.

Beziehungsarbeit

Meine Schule bezeichnet sich als Beziehungsschule. Das ist das Erste, das ich dank der Schulleitung und meinen Kolleg*innen immer wieder mit Schule in Verbindung bringe. Bei uns stehen die Bedürfnisse der Schüler*innen und die Beziehung zwischen Schüler*in und Lehrkraft im Vordergrund. Vieles passiert hier über zwischenmenschliche Kommunikation und Vertrauen. Das, was aktuell stattfindet, ist leider noch sehr weit davon entfernt.

Ich befürchte unsere Schüler*innen verlieren Vertrauen in eine gute Zukunft, in bessere Chancen. Die Digitalisierung ist sicherlich ein wichtiger Bestandteil dieser Zukunft und ermöglicht eine Basis dies zu erreichen. Doch darüber hinaus bleibt zu klären, welche strukturellen und sozialen Veränderungen stattfinden müssen, um Schüler*innen (und Kolleg*innen) wieder Vertrauen und Motivation in das Lernen und Lehren in unserem Schul- und Bildungssystem zurückzugeben.

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  • von Loubna Doudouh
  • am 16. Juni 2020